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Works / Books / Ein Lied für meinen Vater
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Ein Lied für meinen Vater
Ein Lied für meinen Vater
Auf der Suche nach dem großen Geheimnis ihres Vaters entdeckt eine Frau die Liebe zur Musik. Die ergreifende Lebensgeschichte der bekannten israelischen Komponistin Ella Milch- Sheriff spiegelt zugleich auch die Geschichte einer ganzen Generation und die eines jungen Staates. Brillant und einfühlsam schildert sie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als auch die schmerzhafte Suche Israels nach einer neuen Identität.
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Ella Milch-Sheriff und das Geheimnis ihres Lebens
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Ellas Vater, Baruch Milch mit seiner ersten Frau Peppa in den 30er Jahren in Podhayce (Polen)
Nichts hat die Menschen der zweiten Holocaust-Generation so stark geprägt, wie die Vergangenheit und das Schicksal ihrer Eltern. Berührend schildert die Komponistin Ella Milch-Sheriff ihre Kindheit im jungen Israel und ihr zerstörerisches Verhältnis zum Vater.
Dr. Baruch Milch, stammte aus Galizien und überlebte als einziger der Familie den Holocaust – sein Sohn, seine erste Frau, alle Verwandten wurden ermordet. Nach dem Krieg ging er nach Israel und wagte einen Neuanfang. Vor seiner neuen Familie blendete er jedoch sein Schicksal aus dem Zweiten Weltkrieg komplett aus. Seine Tochter Ella leidet unter der zerstörerischen Beziehung zum Vater und fürchtet dessen Grausamkeit. Ihr einziger Ausweg ist die Flucht in die Musik. Erst langsam begreift sie, dass der Grund für ihr schwieriges Verhältnis zum Vater in dessen Vergangenheit liegt. Nach seinem Tod 1989 finden die Töchter dessen Tagebuch von 1939–1945, das sein »erstes« Leben beschreibt. Die eine Schwester, Shosh, veröffentlicht, die andere, Ella, vertont die erschütternden Erlebnisse des Vaters.
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Ingeborg Prior über ihre Arbeit mit Ella Milch-Sheriff
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Im Mai 2002 lernte ich die Komponistin und Mezzosopranistin Ella Milch-Sheriff anlässlich eines Konzertes kennen, das sie in Düsseldorf gab. Sie sang Lieder großer jüdischer Komponisten wie Leonard Bernstein, Gustav Mahler, Hanns Eisler, Arnold Schönberg, Kurt Weill – und ihres Mannes, des Komponisten und Dirigenten Noam Sheriff. Ihr Programm nannte sie »Somewhere« nach dem berühmten Song aus Bernsteins Musical »West Side Story«. Ich bat sie um ein Interview – und schon bei diesem ersten, vorsichtigen Gespräch spürte ich, dass Ella viel mehr zu erzählen hatte und es auch wollte.
»Somewhere – there’s a place for us«, dieses Lied bedeute ihr sehr viel, sagte sie mir damals, »denn es war nie leicht, und es wird nie leicht für uns Juden sein, unseren Platz auf dieser Erde zu finden.« Dass die Gegenwart eines Menschen untrennbar mit seiner Vergangenheit verbunden ist, mag eine Binsenweisheit sein. In den vielen Gesprächen mit der in Israel geborenen Tochter polnischer Holocaust-Überlebender gewann sie für mich jedoch eine besondere Bedeutung.
Wenn mir Ella Episoden aus ihrer Kindheit erzählte, dachte ich zunächst, nun ja, da teilt sie das Schicksal mit vielen Menschen überall auf der Welt, in deren Leben ein strenger Vater oder eine lieblose Mutter unauslöschliche Spuren hinterlassen haben. Doch bald spürte ich, dass diese Gefühle nicht mit anderen zu vergleichen sind. Schließlich vertraute mir Ella die Aufzeichnungen ihres Vaters an, die mich tief erschütterten. Ich begriff, wie eng ihr Leben mit dem des Vaters verflochten ist, wie schwer es ihr noch immer fällt, sich von dieser Bürde zu befreien. Nachdem sie meinen Vorschlag akzeptiert hatte, mir ihre Geschichte und die ihrer Familie zu erzählen und darüber ein Buch zu schreiben, haben wir uns viele Male getroffen.
» Ich war für Liora die blonde Prinzessin, die wunderbar Klavier spielen konnte und von Jungen angehimmelt wurde.« Ella in den 70ern
(...) Ella wünschte sich, dass ich die Menschen kennenlernte, die in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielen, um dadurch auch sie selbst besser kennenzulernen. So traf ich ihren Mann Noam und die Söhne Tal und Aviv, ihre inzwischen verstorbene Schwester Shosh und deren behinderten Sohn Idan, ihre Mutter Lusia Milch, ihre Freundin Liora, Tante Pnina und Onkel Munio, ihren Cousin Dr. Jakov Arad sowie einige Musikerkollegen und Weggefährten. Ich freute mich mit ihr, als sie im Jahr 2005 den renommierten Komponisten-Preis erhielt. Ich war dabei, als sie mit einem Kinderchor ihre »China Ballade« einstudierte. Ich erlebte eine der ersten Aufführungen ihres persönlichsten Werks als Komponistin, die Kantate »Can Heaven Be Void?« in Tel Aviv, und deren deutsche Erstaufführung mit dem Titel »Ist der Himmel leer?« (Englisch) in Berlin. Und ich saß im Publikum, als ihre im Jahr 2005 entstandene Kammeroper »And The Rat Laughs« (Englisch) nach dem gleichnamigen Roman von Nava Semel in einem Konzerthaus im Norden Israels aufgeführt wurde. In dieser bezaubernden Region, in der ein Jahr später die Raketen der Hisbollah einschlugen. Ich verstand, dass nicht nur Ellas Leben, sondern auch ihr musikalisches Werk nie frei sein würde von der Vergangenheit.
Eine Israelin der zweiten Holocaust-Generation vertraut ihr Leben einer Deutschen der Nachkriegsgeneration an – das empfinde ich als großes Geschenk. Und es war, wie wir bei unseren Gesprächen spürten, eine ganz besondere Situation, die Vertrauen, Sensibilität und Toleranz auf beiden Seiten erforderte. Wir mussten viele Brücken überqueren. (…)
Im Lauf der Zeit lernte ich Ellas Welt besser kennen und verstehen. In den bald fünf Jahren unserer Freundschaft lieferte dieses kleine Land Israel der Weltpresse immer wieder Schlagzeilen, und Ella hörte nie auf, bei mir um Verständnis für ihre Heimat zu werben, indem sie versuchte, mir ihre Sicht der Dinge nahezubringen. Sie wusste aber auch, dass es Themen zwischen uns gab, die wir ausklammerten. So fuhren wir einmal zusammen von Tel Aviv nach Jerusalem, wo sie an einer Konzertprobe teilnahm. Ella gab sich die größte Mühe, ein Restaurant für uns ausfindig zu machen, das einen Panoramablick auf die historische Altstadtmauer bot, die der osmanische Sultan Süleiman, der Prächtige, vor fast einem halben Jahrtausend als Schutzwall gegen die Christen erbauen ließ und die nun von der untergehenden Sonne in honigfarbenes Licht getaucht war. Sie fuhr mit mir aber nicht zu der neuen grauen Betonmauer, die die jüdischen Stadtviertel vor arabischen Terroristen schützen soll. Vielleicht hätte sie es getan, wenn ich sie darum gebeten hätte. Aber ich vermied diese Frage.
Ingeborg Prior and Ella Milch-Sheriff
Als wir während der Zweiten Intifada, dem gewaltsamen Konflikt zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften, in Haifa die Stätten ihrer Kindheit besuchten, parkte Ella ihr Auto an einem belebten Platz der Altstadt, schaute sich beim Aussteigen rasch nach allen Seiten um und eilte dann zum Haus ihrer Verwandten, die wir besuchen wollten. Ich konnte kaum Schritt mit ihr halten. Auf meinen atemlosen Protest hin erklärte sie mir, dies sei das normale Verhalten der Israelis in Zeiten des Terrors. Man versuche, so normal wie möglich zu leben, aber man bleibe immer wachsam.
Ein anderes Mal saßen wir in einem romantischen Gartenrestaurant über dem alten Hafen von Jaffa. Plötzlich flogen mehrere Hubschrauber unter lautem Gebrüll ihrer Motoren und Rotoren über unsere Köpfe hinweg, wir schauten wie alle anderen Gäste irritiert nach oben. Ella meinte: »Es sind so viele, das bedeutet nichts Gutes«, um dann schnell das Thema zu wechseln. Es war kurz vor Ausbruch des Libanonkrieges im Juli 2006.
Einige Monate zuvor waren wir in den Süden Israels, nach Eilat geflogen, um dort fernab der nervösen Hektik Tel Avivs und Ellas familiärem und beruflichen Alltag in Ruhe an unserem Buch zu arbeiten. Ellas Cousin Jakov Arad ist Chefarzt der Notaufnahme des Krankenhauses Joseftal von Eilat, das durch Bombenattentate arabischer Terroristen im Oktober 2004 auf das »Taba Hilton Hotel« zu trauriger Berühmtheit gelangte. Unter den Opfern waren zahlreiche Urlaubsgäste aus Israel. Ägypter und Israelis arbeiteten Hand in Hand, um die Opfer zu bergen und die Verletzten zu versorgen. Ellas Cousin leitete die Aktion. Meine Bitte, mehr darüber zu erzählen, beantwortete er mit einer Anekdote: Während der Interviews, die zahlreiche Fernsehsender aus dem In- und Ausland mit ihm führten, klingelte plötzlich sein Mobiltelefon. Der Direktor seines Krankenhauses, der sich irgendwo im fernen Ausland befand, sah das Live-Interview und mahnte: »Stecken Sie sich wenigstens das Namensschild unseres Spitals an den Kragen.« (...)
Über alle Gegensätze hinweg wurden Ella und ich Freundinnen. Ich respektiere ihre Ansichten und Überzeugungen, auch wenn ich sie nicht immer teile. Durch Ella lernte ich, mir ein eigenes Urteil über Israel zu bilden jenseits aller Aufgeregtheiten und Interpretationsversuche in den Medien. Ich lasse Ella ihre Geschichte erzählen, die sich aus unseren Gesprächen zusammensetzt, die ich durch eigene Recherchen und Impressionen ergänzt habe. Gemeinsam suchten wir für auch die Passagen aus dem Tagebuch ihres Vaters aus, das in Israel in hebräischer und englischer Sprache erschienen ist und das ich ins Deutsche übertragen habe.
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Biographie
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Ella Milch-Sheriff geboren 1954 in Haifa, Israel, begann bereits Prior lebt in Köln. mit zwölf Jahren zu komponieren. Ihren Armeedienst leistete sie als Mitglied einer Militärkapelle ab. Nachdem sie die Armee verlassen hatte, studierte sie Komposition und Gesang an der Rubin Academy of Music in Tel Aviv, wobei sie sich vor allem den Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts widmete.
» Ich war für Liora die blonde Prinzessin, die wunderbar Klavier spielen konnte und von Jungen angehimmelt wurde.« Ella in den 70ern
Ella Milch-Sheriff ist mit dem Komponisten Noam Sheriff verheiratet und lebt mit ihm und ihren beiden Söhnen in Israel. Ella Milch-Sheriff komponierte Opern sowie Kammermusik und Gesangstücke, die an zahlreichen Häusern in Israel und Europa aufgeführt wurden. Besondere Aufmerksamkeit erfuhren ihre Neuarrangements der Lieder von Kurt Weill für Mezzosopran und Kammerorchester. Als eine der ersten Komponistinnen setzt sich Milch-Sheriff, inspiriert durch ihre eigene Familiengeschichte, musikalisch intensiv mit der Shoah auseinander. Ihre Kantate »Can Heaven Be Void«, basiert auf dem Tagebuch ihres Vaters, des Arztes Baruch Milch. In ihm beschreibt er das dramatische Schicksal seiner aus Polen stammenden Familie während des Zweiten Weltkriegs. Dieses Werk, das im März 2003 in Israel uraufgeführt wurde, gehört zu den erfolgreichsten Kompositionen Ella Milch-Sheriffs und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Im November 2003 hat »Ist der Himmel leer?« seine deutsche Premiere mit dem Berliner Sinfonieorchester. 2004 wurde es ein weiteres Mal in Deutschland sowie den USA aufgeführt.
Ella Milch-Sheriff erhielt 2005 den renommierten »Israeli Prime-Minister Prize« für ihr kompositorisches Werk und noch im selben Jahr den »Rosenblume Prize« für ihre Oper »And The Rat Laughed«, die auf einem Buch von Nava Semel basiert. Die Autorin Ingeborg Prior, geboren 1939, arbeitet als freiberufliche Journalistin. Zu ihren Veröffentlichungen zählen: »Der Clown und die Zirkusreiterin – Eine verbotene Liebe in Nazi-Deutschland« (1997), »Die geraubten Bilder – Die abenteuerliche Geschichte der Sophie Lissitzky-Küppers und ihrer Kunstsammlung (2001)«. Ingeborg
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Ingeborg Prior
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Geboren und aufgewachsen in Baden-Württemberg. Seit Mitte der 1960er Jahre ist Köln ihr Lebens- und Arbeitsmittelpunkt.
Nach Schule und Abitur Ausbildung zur Redakteurin.
Schrieb viele Jahre als freiberufliche Journalistin für verschiedene Print-Medien. Traf und interviewte zahlreiche Persönlichkeiten aus Kultur und Zeitgeschichte, u.a. Cecilia Bartoli, Teddy Kollek, Donna Leon, Lord David Linley, Sir Yehudi Menuhin, Marcel Marceau, Sir Peter Ustinov, Vivienne Westwood.
1996 Autorin der TV-Dokumentation „Zuflucht im Zirkus“. 1997 erschien ihr erstes Buch „Der Clown und die Zirkusreiterin – Eine verbotene Liebe in Nazi-Deutschland“, 2001 „Die geraubten Bilder – Die abenteuerliche Geschichte der Sophie Lissitzky-Küppers und ihrer Kunstsammlung“, seit 2006 auch als Taschenbuch mit dem Titel „Sophies Vermächtnis – das tragische Schicksal einer Deutschen in sibirischer Verbannung“. Zuletzt erschien im März 2008 die Biographie „Ein Lied für meinen Vater“, das sie zusammen mit der israelischen Künstlerin Ella Milch-Sheriff geschrieben hat.
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Zeit-Stimmen
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Das Werk von Ella Milch-Sheriff beschäftigt sich mit den erschütternden Teilen des Tagebuchs, das ihr Vater während des Holocausts in Polen geschrieben hat. Der Eindruck, den die Kantate erzeugt, übertrifft jede Erwartung. Sheriff befestigt die Worte gleichsam in der Musik, schmückt sie aus, betont sie ohne Pathos. Verblüffend ist die Gegenüberstellung von traditionellen jüdischen Weisen und gregorianischen Gesängen. Haaretz über »Can Heaven Be Void«, 2003
Ella Milch-Sheriff (2.v.l. sitzend) in der Singegruppe der israelischen Armee, links daneben ihre beste Freundin Liora
»Sheriff verewigt künstlerisch den Schrecken und den Schmerz. Dramatisch setzt sie Gesang und Deklamation ein. Die Musik ist ehrlich und klar, sie beschwört ihren Klang aus der Tiefe herauf. Der Himmel von Milch-Sheriff ist nicht leer. Er ist voll.« Ma`ariv über »Can Heaven Be Void«, 2003
»Es ist die Musik, die mit den ihr eigenen Mitteln die Geschichte zur Offenbarung führt: auf der einen Seite zeitgenössisch, ohne deutlich sichtbare, offenkundige Struktur, manchmal absichtlich disharmonisch und chromatisch. Diese Oper hat keinen klassisch-romantischen Aufbau, nicht den klaren Wechsel von Rezitativen und Arien, sie ist eher ein gesungenes musikalisches Schauspiel mit vielen fesselnden harmonischen und melodischen Passagen (…) Dieses Kunstwerk, das Oper und Theater zu einer Einheit führt, ist von der ersten bis zur letzten Minute eine bezaubernde Erfahrung. In Ella Sheriffs kunstvollen Texten wird die anspruchsvolle hebräische Sprache wirklich erfasst, sind die Rollen mit gefühlsmäßiger Überzeugung gestaltet. Kurz gesagt: Wunderschön.« Ma’ariv über »And The Rat Laughs«, 2005
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Leseprobe
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Die Seiltänzerin
Oben unterm Zirkuszelt tanzte die Artistin auf dem Drahtseil. Der Lichtstrahl eines Scheinwerfers folgte jedem ihrer graziösen Schritte. In ihrem dunklen Haar, das bis zur Taille reichte, funkelten Sterne. Ihr Ballettröckchen wippte im Rhythmus einer lieblichen Geigenmelodie. Plötzlich geriet sie aus dem Takt. Ich hielt den Atem an. Doch mit energischem Einsatz ihrer Balancierstange gewann die Seiltänzerin das Gleichgewicht zurück. Der Geiger spielte weiter, als sei nichts geschehen. Ich atmete erleichtert auf.
Ein Lied für meinen Vater
»Autsch«, sagte Liora und lachte, »du erdrückst mich ja fast.« Da erst merkte ich, dass ich ihren Arm fest umklammert hielt. Auch ich lachte und befreite sie aus meinem Griff. Liora und ich saßen eng nebeneinander auf einer der dicht besetzten Holzbänke im Zirkusrund. Liora ist meine beste Freundin. Ihr Vater hatte uns Eintrittskarten für die Nachmittagsvorstellung des Wiener »Circus Medrano« geschenkt, der in diesem heißen Sommer 1962 in Haifa gastierte.
»Was bist du nur für ein Angsthase«, amüsierte sich Liora, »so schnell passiert nichts im Zirkus. Artisten sind wie Katzen, sie haben mehrere Leben.« Ich hatte nur noch Augen für die Seiltänzerin. Die Elefanten, die Tiger, die Akrobaten, Jongleure, Liliputaner, Nummerngirls, und selbst der traurige Clown, der seiner Kindergeige ganz zarte Töne entlockte – sie alle machten auf mich keinen Eindruck mehr.
»Ist sie nicht wunderschön?«, sagte ich zu Liora, »ich möchte auch so schön und so mutig sein.« Sie kam aus einer anderen Welt. Sie tanzte auf einem dünnen Seil. Sie war leicht und frei wie ein Vogel. Sie konnte fliegen.
Nach der Vorstellung kauften wir uns Limonade an einem der Zirkuswagen. Eine alte Frau, deren Gesicht noch Spuren ihrer einstigen Schönheit zeigte, reichte sie uns aus einem kleinen Fenster. Dann warf sie die Münzen achtlos in einen Pappkarton, der vor ihr auf der Fensterbank stand. »Die guckt ja wie mein Vater«, flüsterte ich meiner Freundin zu. Kaum hatte ich das Wort Vater ausgesprochen, erwachte ich aus meinem Traum. »O je, ich muss nach Hause. Das Abendessen steht sicher schon auf dem Tisch.« Ich sah Vaters Gesicht vor mir, die strenge Linie seines Mundes, die Kälte in seinen Augen.
Ella & Franziska Guenther, the book's editor
»Lauf, Ella, lauf«, rief Liora mir hinterher. Zwischendurch legte ich ein paar Tanzschritte ein. Ich hatte mich in die Seiltänzerin verliebt. Ich war acht Jahre alt.
Die Hitze hatte meine Haare in feuchte Strähnen verwandelt, als ich, immer noch rennend, die Achad-Ha’am-Straße Nummer 14 erreichte. Ein düsteres Mehrfamilienhaus, durch dessen Fenster hoch aufragende Zypressen, ein Pinienbaum mit gespreizter Krone und wild wuchernde Sträucher im Vorgarten nur spärliche Lichtstrahlen einließen. In dem das Schicksal seiner Bewohner kein Lachen gestattete. Hier lebten Familien aus Europa, oder jene, die aus ihrer Gemeinschaft übrig geblieben waren nach der Shoah, die Wieners, die Rosenthals, die Eichenholz’, die Ehrlichs. Und wir, die Milchs.
Ich habe nicht viele Erinnerungen an diese Zeit, wahrscheinlich weil sie nichts Glückliches bargen. Ich war einsam und verzagt. Deswegen sind mir vor allem jene Erinnerungen geblieben, die besonders schön waren wie der Zirkus mit seiner Leichtigkeit, seiner Heiterkeit und seinen Farben, und besonders unangenehme wie jene an das Ehepaar Eichenholz. Noch heute sehe ich sie vor mir: Er war ein großer, sehr dicker Mann mit einer Glatze, so wie ich mir als Kind einen Nazi vorstellte, von denen die Erwachsenen gelegentlich im Flüsterton sprachen. Er arbeitete als Psychiater. Sie war eine dürre Person, die mich verkniffen durch ihre Brillengläser musterte. Sie hatten keine Kinder. Die beiden stammten aus Deutschland. Auch sie waren Überlebende des Holocaust. Aber darüber wusste ich damals noch nichts. Manchmal musste ich bei ihnen warten, bis meine Eltern nach Hause kamen. Sie waren noch strenger als Vater. Sie machten mir Angst.
Ingeborg Prior and Ella Milch-Sheriff
Dr. Wiener und seine Frau, die ebenfalls in unserem Haus lebten, hatten einen Sohn, der so alt war wie ich. Ich nannte ihn Sewi. Sein Name war Seev, das heißt auf hebräisch Wolf. Dann gab es noch Gideon, dessen Eltern aus England stammten. Wenn sie unter sich waren, unterhielten sie sich in diesem vornehmen britischen Englisch, das jedes Wort zu liebkosen schien. Mit mir sprachen sie hebräisch, ich bemerkte aber den fremden Klang, der sich anders anhörte als der meiner Eltern. Sie waren die einzigen im Haus, die ihre Mitbewohner fröhlich grüßten. Ihr Lachen umgab sie wie Sonnenstrahlen und unterbrach die bedrückende Stille, die auf das Jammern und Klagen folgte, das häufig aus den Wohnungen nach draußen drang.
Mit meinen beiden Spielgefährten, die mich durch die ersten acht Jahre meines Lebens begleiteten, bis wir in ein anderes Haus zogen, verband mich ein Geheimnis, von dem unsere Eltern nichts wissen durften: unsere Doktorspiele. Dabei fungierten sie als Ärzte, und ich musste ihre Patientin sein. Wenn wir, meinem lauten Protest folgend, die Rollen tauschten, erlaubten sie mir, ihre Ohren, ihre Nasen, ihren Hals zu untersuchen. Viel weiter »nach unten« traute ich mich nicht. Sie waren schon mutiger. Mein Vater Dr. Baruch Milch, meine Mutter Lusia, meine Schwester Shoshana und ich wohnten im vierten und letzten Stock des Hauses in der Achad-Ha’am-Straße. Von unserer Wohnung aus blickte man auf einen quadratischen Innenhof. Die hohen Mauern warfen Schatten auf die festgetretene Erde, auf der nichts Grünes gedieh. Sie vermischten sich mit den Schatten hoher Zypressen, die jenseits der Mauer wuchsen. Es war kein fröhlicher Ort für Kinder.
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Video Clips
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Ella Milch-Sheriff bei Aufbau:
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10. März 19.00 Uhr Hamburg |
Hamburger Schulmuseum
Seilerstr. 42
20359 Hamburg
Eintritt frei
Mit musikalischer Umrahmung |
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11. März 18.00 Uhr Düsseldorf |
Heinrich Heine Institut
Bilker Str. 12-14
40213 Düsseldorf
Mit musikalischer Umrahmung |
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12. März 20.00 Uhr Köln |
Krypta der St. Agnes Kirche Köln |
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13. März Leipzig / Buchmesse |
15.00-15.30 Uhr:
„Blaues Sofa“ auf dem Messegelände / Eingang Glashalle: Gespräch mit den beiden Autorinnen
16.00-17.00 Uhr:
Stand Botschaft des Staates Israel
auf dem Messegelände
(Halle 4, C400)
19.30 Uhr:
Buchvorstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig
Grimmaische Str. 6
04109 Leipzig |
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14. März Leipzig / Buchmesse |
15.00-16.00 Uhr:
Stand Botschaft des Staates Israel
auf dem Messegelände
(Halle 4, C400)
19.00 Uhr:
Deutsches Literaturinstitut Leipzig
Wächterstr. 34
04107 Leipzig
Deutsch-Israelischer Autorenaustausch: um 19.00 Uhr erste Runde mit
Assaf Gavron und einer Studentin des Literaturinstituts, die den Autor im Gespräch vorstellt. Um 19.45 Uhr zweite Runde mit Ella Milch-Sheriff / Ingeborg Prior und einer Studentin des Literaturinstituts, die die Autorinnen im Gespräch vorstellt. |
 Israeli Embassy at the Leipziger Buchmesse 2008 |
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 Ella & Ingeborg, book reading |
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Ella Milch-Sheriff bei Aufbau:
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Ella Milch-Sheriff/Ingeborg Prior
Ein Lied für meinen Vater
Mit XX Abbildungen
Etwa 220 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
5 [D] 18,95 / 5 [A] 19,50 / SFR 36,60
ISBN 978-3-351-02661-5
Auslieferung am XX. Januar 2008
www.aufbauverlagsgruppe.de
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