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Works (English) / Opera (English) / Baruchs Schweigen


 

Baruchs Schweigen


Eine Kammeroper (für 8 Sänger und Kammerensemble) von Ella Milch-Sheriff
Libretto: Yael Ronen

 
 

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Szenenfolge



 

Bild 1: Eine Tochter kehrt in Israel in das Haus ihrer verstorbenen Eltern zurück. Widerwillen kommen Erinnerungen an die Vergangenheit und die „Geister“ des Hauses erwachen. Die zehn Gebote des Vaters holen sie wieder ein und quälen sie. Unter den Geistern ist auch ein Kind, mit dem sie nichts anzufangen weiß. Die Tochter erinnert sich an Vater und Mutter. Es kommt zu einem imaginären Gespräch, mit nie gestellten Fragen und nie bekommenen Antworten und entsteht ein Eindruck vom ehemaligen Leben in der Familie. Den Geistern kann die Tochter ihre Ängste und Sehnsüchte von einst erzählen und sie verlangt vom Vater Erklärungen. In dieser Situation findet sie mit dem Tagebuch des Vaters sein Testament. Dieser wollte, dass es der Tochter erst nach seinem Tod in die Hände fällt.

Bild 2: Durch das Testament erfährt die Tochter davon, dass ihr Vater in Polen im 2. Weltkrieg bereits eine Familie mit Frau und Kind hatte. Die Begegnung mit dieser Realität fällt ihr schwer und sie will den Bruder nicht akzeptieren.

Bild 3: „Am Freitag, den ersten September begann das Ende meines wirklichen Lebens.“ Das Tagebuch erzählt vom Leben des Vaters als Arzt im Krieg, der von Müttern um „Medizin“ gebeten wurde, dass ihre Kinder in den ewigen Schlaf fallen würden. Ihr wird bewusst, wie sie es genossen hat, wenn sie krank war und auf die Hilfe und Fürsorge des Vaters angewiesen war. Nur in diesen Augenblicken fühlte sie sich von ihm geliebt. Sie akzeptiert, dass der ermordete Bruder die ewige Liebe seines, ihres, Vaters erhalten hat.

Bild 4: Während des Krieges war der Vater ständig mit seiner Familie auf der Flucht. Die Tochter bekommt einen tiefen Einblick in das ihr unbekannte Leben des Vaters und dessen Verhältnis zu seinem Sohn.

Bild 5: In einem Moment der Flucht war die Erschöpfung des Kindes unglaublich. Auf anraten seiner Familie sollte der Vater ein sicheres Versteck alleine suchen. In dieser Zeit wird seine gesamte Familie getötet. Der Vater kann sich nicht verzeihen, seine Frau und das Kind alleine gelassen zu haben und dadurch überlebt zu haben.

Bild 6: Mit seinem Bruder sucht der Vater ein Versteck für die kommenden Nächte. Schüsse und Explosionen zwingen sie zur Rückkehr. Alles scheint ausgelöscht, bis völlig unerwartet der Sohn des Bruders überlebt hat.

Bild 7: Im Tagebuch wird von der ersten Begegnung des Vaters mit ihrer Mutter erzählt und was dies für beide bedeutete. Ihr wird klar, dass ihre Mutter auch ein schreckliches Schicksal mit sich trägt, über das sie nie gesprochen hat.

Bild 8: Der Krieg hat der Mutter und deren Mutter alles genommen. Hoffnung verspricht die Begegnung mit einem russischen Offizier. Doch der will nur das junge Mädchen und vergewaltigt es und die Großmutter kann diese Tat es nicht verhindern. Die Tochter klagt die Eltern an, dass sie nie über ihre Vergangenheit gesprochen haben und sie fragt sich, warum der Vater trotz des Neubeginns nach dem Krieg keinen Trost finden konnte, da er sich ihrer Meinung nach nicht versündigt hatte.

Bild 9: Nach dem Tod seiner ersten Familie wollte der Vater nur Rache und den eigenen Tod. Allein sein Bruder kann ihn vom Weiterleben überzeugen. Ein ukrainischer Bauer bietet gegen viel Geld einen vermeintlich sicheren Unterschlupf für den Vater sowie seinen Bruder. Nur das Kind des Bruders will der Bauer aus Sicherheitsgründen nicht aufnehmen. Auch nachdem die Brüder den Bauern davon überzeugen konnten, dass das Kind sich ruhig verhält, will dieser es permanent los werden. Dem Kind fällt es schwer nicht mit anderen zu spielen. Vielmehr muss es sich in einem Erdloch verstecken. Schließlich entflieht es diesem Martyrium, sein Vater will es beruhigen und erstickt es dabei. Regungslos wird der Vater der Tochter Zeuge dieser Tat, wird sich zeitlebens dadurch schuldig fühlen „Und so hörte ich auf, ein Mensch zu sein.“

Bild 10: Das Tagebuch des Vaters hat die Tochter und ihr Verhältnis zu ihm nachhaltig verändert. Jetzt kann sie verstehen und vergeben.



Besetzung



 

Flute
Oboe/English Horn
Bass Clarinet/Clarinet
Bassoon
French Horn
Trumpet
Trombone
Percussion and Timpani
Keyboard
String Quintet



Libretto



 

Baruchs Schweigen

Eine Kammeroper (für 8 Sänger und Kammerensemble) von Ella Milch-Sheriff
Libretto: Yael Ronen
Uebersetzung aus dem Hebraeischen: Avishai Milstein
Deutsche Fassung: Vera Giese
Die Rollen und ihre Besetzung:
Vater: Bassbariton
Mutter: Sopran
Tochter: Mezzosopran
Erste Frau/Geist/Tochter B.: Sopran
Grossmutter/Geist/Frau B.: Sopran
Bruder/Geist: Tenor
Bauer/Russischer Offizier/Geist: Bass
Kind Geist/Sohn/Bruders Sohn: Kind Sopran

Bild 1

(Die Tochter tritt auf. Eine absolute Stille herrscht, bis auf das Ticken einer Wanduhr. Die Tochter bewegt sich zwischen verschiedenen, mit weissen Tüchern bedeckten Objekten hindurch. Sie hebt das Bettuch von der Uhr)

Tochter: Hören Sie?
Die Musik meiner Kindheit.

(schliesst ihre Augen, hört dem Ticken der Uhr zu und dirigiert ein imaginäres Orchester)

Im gespenstischen Meer der Stille
Ein einziger, rhytmischer, beständiger Ton,
Wie ein Versprechen, daß sich alles ändern wird.

(Die Mutter und der Vater treten von beiden Seiten auf. Sie nehmen die Tücher von den Stühlen am Esstisch und setzen sich hin).

Oder, oder wie eine tickende Bombe.

(Sie setzt sich zu den Eltern und sie essen schweigend. Die Familienangehörigen des Vaters und der Mutter, Elias und “Die Geister”, treten einer nach dem anderen auf)

(Sie stehen still und schauen sie stumm an. Nur die Uhr und die Bestecke sind zu hören.
Die Geister singen die folgenden Sätze, als würden sie sie in die Ohren des Vaters und der Mutter flüstern)

Geister: Du sollst keinen Gott haben neben Dir.

(Die Tochter nimmt die Geister wahr. Der Vater und die Mutter sehen über sie hinweg)

Geister: Tue nur, was Dir selbst nutzt, und opfere Dich nicht, 
Opfere Dich nicht für andere.

Lebe das Leben bis zur Neige
Und genieße jeden Augenblick.                                                                      

Liebe Dich selbst über alles.
Gib anderen nicht,was Dir selbst gut tut.

Belaste Deinen Kopf nicht unnötig.

Härte Dein Herz ab und gehorche ihm nicht, nicht.

Tritt anderen nicht zu nah
Und lass sie Dir nicht nahe kommen.

Vertraue niemand.

Du sollst keinen Gott haben.
Tue nur, was Dir selbst nutzt.
Liebe Dich selbst über alles.
Du sollst keinen Gott haben.

Kind: Glaube nicht – der Himmel ist leer.

Geister: Glaube nicht – der Himmel ist leer.

Kind: Bete nie – der Himmel ist leer.

Geister: Bete nie – der Himmel ist leer.

Kind: Hoffe nicht – der Himmel ist leer.

Geister: Der Himmel ist leer, der Himmel ist leer. 

Kind: Niemand hört Dich –

Geister: Der Himmel ist leer, der Himmel ist leer.

Kind: Der Himmel ist leer, der Himmel ist leer.

Geister: Der Himmel ist leer, der Himmel ist leer.

Kind: Glaube nicht –

Geister: Glaube nicht, glaube nicht.

Kind: Der Himmel ist leer.
Bete nie –

Geister: Bete nie, bete nie-

Kind: Der Himmel ist leer.
Hoffe nicht –

Tochter: Aus! Aus! Schluß! Schluß!

(Das Kind setzt sich auf den Schoß des Vaters und singt mit den Geistern weiter)

Geister + Kind: Glaube nicht – der Himmel ist leer.
Bete nie – der Himmel ist leer.
Hoffe nicht – der Himmel ist leer.

Geister: Glaube nicht, glaube nicht

Kind: Der Himmel ist leer.

Geister: Bete nie, Bete nie -

Kind: Der Himmel ist leer.

Geister + Kind:
Niemand hört Dich...
Glaube nicht, bete nie, hoffe nicht...
Der Himmel ist leer...

Tochter: (zum Vater): Wie kann das sein?...
Wie kann das sein?
Dieser blaue Himmel ist leer?
Die hellen Nächte voller Sterne sind gleichgültig?
Die Wolken, die Sonne, der Mond, sie sind sinnlos?
Ist das möglich?
Wie ist das möglich?

Vater: (zur Tochter): Der Himmel bleibt ungerührt
Und niemand hört zu.
Die Welt ist still,
Nur der Tod hat eine Stimme,  klar und deutlich.
Sinnlos das Wehren, das Schreien und Weinen.
Weit und breit gibt es nichts, gibt es nichts.
Nur Dich gibt es,
Und die tickende Uhr.

Tochter: Nur die Toten hören nichts als die Stille.
Nur die Toten geben keinen Laut.

Geister: Nur die Toten, nur die Toten, nur die Toten.

Tochter: Nur die Toten geben keinen Laut, keinen Laut.
Ich bin noch am Leben.
Ich lebe. Ich lebe.
Sieh mich an.
Sieh mich an. Hör mir zu,
Frag, wie es mir geht.
Sag, ich sei gewachsen, ich sänge so schön.
Frag, ob ich weine,
Küss mich und sag “Du darfst”.
Sag, es macht einen Sinn zu warten,
Sag, man darf sich freuen.
Sag irgendwas,
Aber brich endlich das Schweigen!

Mutter: Lass es, lass es, Kind,
Wer nicht kann, muss auch nicht können.
Nicht jede Erinnerung schliesst in sich eine Geschichte.
Und nicht jede Geschichte reduziert sich auf Worte.
Und nicht jedes Wort findet eine Sprache.
Und die Sprache zuweilen findet nicht den Ton.
Lass es, lass es, Kind,
Wer nicht kann, muss auch nicht können.

Tochter: (zur Mutter): Du weißt alles, aber du erzählst nichts.
Die Hüterin seiner Geheimnisse!
Die will, dass ich unsichtbar bin und stumm.
Aber ich will eine Mama,
Wie sie jedermann hat.
Weder Umarmung noch Kuss -
Deine Lippen ausgebrannt,
Deine Hände verglüht,
Die nicht berühren können.
Du möchtest lieben,
Aber Du weisst nicht mehr wie.

Mutter: Ein undankbares, ungehorsames Kind!
Sie macht in den Mittagsstunden Lärm,
Muss ständig singen und hämmert am Klavier,
Ein verzogenes und weinerliches Kind.
Warum ist dein Haar so rabenschwarz, rabenschwarz?
Ein undankbares, ungehorsames Kind!

Vater: Keinen einzigen Tag hättest Du die Hölle überlebt.

Mutter u. Vater: Weisst Du überhaupt, was Schmerz ist?
Ein undankbares, ungehorsames Kind!
Keinen einzigen Tag hättest Du die Hölle überlebt.
Weisst Du überhaupt, was Schmerz ist?

Tochter: (kneift sich selbst): Es schmerzt nicht.
(schlägt sich): Das ist kein Schmerz,
Es tut nicht weh.

Mutter u. Vater: Du verstehst gar nichts…..

Tochter: Ich wollte begreifen, aber ich konnte nicht.
Ich wusste, es gab ein schwarzes Vergangenheitsmonster,
Aber ich kannte seinen Namen noch nicht.
Ich kannte nur Deinen Zorn, Vater.
Deine Gleichgültigkeit, Mutter.
Deinen ledernen Gürtel, Vater.
Deine schlaflosen Nächte, Mutter.
Das Zuhause bar jeder Freude.
Die Eltern, die nicht wie die anderen sind.
Die unterdrueckte Wut, das plötzliche Weinen.
Aber ich wusste nicht, warum und weswegen.

Mutter: Lass es, lass es, Kind,
Wer nicht kann, muss auch nicht können.
Nicht jede Erinnerung schliesst in sich eine Geschichte.
Und nicht jede Geschichte reduziert sich auf Worte.
Lass es, lass es, Kind,
Wer nicht kann, muss auch nicht können.

Tochter: Und Du kannst nicht, Du kannst nicht,
Kein Wiegenlied,
Kein Wiegenlied und kein Märchen,
Nur düstere Sagen von zugefrorenen Wäldern.
Und einem barfüßigen Mädchen..

Mutter: Mit einem dünnen Hemd in einer Herbstnacht,
Das auf einem Bett im Kornfeld schläft,
Seinen Durst mit Morgentau stillt.

Mutter u. Tochter: Und unsichtbar wie der Wind,

Tochter: Vor den Hundezähnen flieht und den üblen Augen.

Mutter: Und keine Fee wird erscheinen,
Um dieses Mädchen zu retten.

Mutter u. Tochter: Kein Prinz  und kein Zauber -
Das Ende der Geschichte
Verspricht keinen Trost, keinen Trost…

Mutter: Wer nicht kann, muss auch nicht können.

Geister: Du verstehst gar nichts...

Mutter: Wer nicht kann, muss auch nicht können.

Tochter: Aber mit mir kann niemand,

Geister: Niemand kann.

Tochter: Weder Mama noch Papa.
Mit denen da kann er,

Geister: Niemand hört Dich, niemand, niemand.

Tochter: Des Nachts in der seltsamen Sprache,

Geister: Nur die Toten hören nichts als die Stille. 

Tochter: Mit seinen Totengeistern,
Deren Namen nicht genannt werden.

Geister: Nur der...

Tochter: Aber die ständig bei ihm sind.

Geister: Tod hat eine Stimme.

Tochter: Sie summen mir in den Ohren.

Geister: Klar und deutlich.
Nur der Tod hat eine Stimme klar und deutlich….

Tochter: Sie summen mir in den Ohren, in den Ohren.

Geister: Du sollst keinen Gott haben......

Tochter: Sie summen mir in den Ohren,
Und er... er schweigt. Er schweigt.

Tochter: Wer ist es –
Das rätselhafte Monster, dessen Name nie genannt wird,
Wonach man nie fragen darf.
Das Monster Dessentwegen.
Dessentwegen ich nie was darf,
Dessentwegen Mama keine Mama sein kann,
Dessentwegen sie mal liebt und mal hasst,
Dessentwegen Papa nie sprechen kann,
Stets schweigsam ist und ich nie fragen darf.

Vater: Nur der Tod hat eine Stimme klar und deutlich.

Geister: Nur die Toten geben keinen Laut, keinen Laut.

Tochter: Mit mir redet er nie, nur mit ihm.
Durch die schwarzen Nächte, im Schlaf,
In einer fremden, seltsamen Sprache,
Schreit er, weint und flucht,
Und am Morgen schweigt er, sich an nichts erinnernd.
Aber ich erinnere mich!
Was redest Du in der Nacht, Papa?
Was sagst Du? Was sagst Du?
Erzähle es mir!

(bricht über dem Tisch zusammen)

Bild 2
(Das Kind nähert sich ihr erstaunt, läuft zum Vater zurück und holt aus der Tasche des Vaters einen Brief)

Kind u. Vater: An meine einzige Tochter –
Nach meinem Tod zu öffnen.

(Die Tochter  hebt den Kopf und möchte dem Kind den Brief wegnehmen, das Kind weicht ihr aus)

Kind u. Vater: Wenn Du diese Zeilen liest,
So hast Du dich heute von meinem Leib verabschiedet.
Ich hoffe, Du hast mich so beerdigt,
Wie ich es gewünscht habe.
Auf den marmornen Grabstein,
Den Du für mich errichten wirst,
Sollst Du schreiben:
Zum Andenken an meine Eltern,

Geister: Yitgadal veyitkadash shme Raba

Kind u.Vater: Rosa und Selig Milch,

Geister: Bealma divra chirute

Kind u. Vater: Und an meine ganze Familie aus Podhajce,

Geister: Veyamlich malchuteh

Kind u. Vater: Die in der Shoa umgekommen sind.

Geister: Bechayechon uvyomechon uvechyei dechol beit Yisrael.

Kind u. Vater: Zum Andenken an meine geliebte Frau,
Die von den Nazis lebendig begraben wurde,

Geister: Baagala uvisman kariv

Kind u. Vater: Zum Andenken an meinen einzigen Sohn,
Eliasch Luntscheck,
Der als Säugling umgebracht wurde,
Sein Andenken sei gesegnet.

Geister: Veimru Amen.

Tochter: Meine Frau? Mein Sohn?
Wovon redet er? Wovon redet er?
Er war schon alt,  war schon alt und redete irre!
Ich hatte keinen Bruder.
Ich hatte keinen Bruder. Ich hatte keinen Bruder.
Ich wußte alles, was man über ihn wissen kann!

Kind: Von mir wusstest Du eben nicht.
Ich war da. Schau mich an, ich bin da.

Tochter: Du bist der Traum eines toten Mannes.
Eine Illusion! Eine Illusion!
Die Sehnsucht nach einer verlorenen Welt.
Kein Fleisch von meinem, noch aus seinem Fleisch.
Du bist nicht und Du warst nie.
Du hast weder Namen, noch Bildnis,
Noch ein Datum auf einem Grabstein.
Du bist nicht und warst nie.
Ich bin seine einzige Tochter,
Die Einzige. Die Einzige.
So sagte er mir.

Kind: Und ich bin sein Sohn,
Sein einziger, den er liebte.
Mein Angesicht ist eingebrannt in seinen Kopf.
Meinen Namen flüstert er in seinem Schlaf.
Und mein Todestag ist eingraviert in sein Herz.
Ich war da –
War da.
Ich war da –
Ich bin!

(Die Tochter nimmt ihm den Brief ab)

Bild 3

Tochter: (liest):  Am Freitag, den ersten September begann das Ende
meines wirklichen Lebens?
(Geisterchor tritt auf und begleitet den Vater im ersten Monolog)

Vater: Am Freitag, den ersten September begann das Ende (mit 1 Geist) meines wirklichen Lebens.

Vater u. Geister: Am Freitag, den ersten September begann das Ende   meines wirklichen Lebens.

Geister: Am Freitag, den ersten September...

Tochter: (liest):  begann das Ende meines wirklichen Lebens?

Vater: Gleich nach unserer Hochzeit sagte sie mir:

Geister: Du magst wohl Arzt sein –
Du magst wohl Arzt sein –
Du magst wohl Arzt sein –
Du, Du, Du.

Vater: Für sie aber bist Du die Krankheit.

Geister: Bist Du die Krankheit.
Bist Du die Krankheit.

Tochter: Halt!! Halt!!
Wer sagte das?
Wer ist die Frau die das sagte?. 
Bist Du das, Mama?

Kind:Das ist meine Mutter, nicht deine.

Tochter: (zur Mutter):  Es gab eine Andere vor Dir?

Mutter: Es gab ein anderes Leben.

Vater: Gleich nach unserer Hochzeit sagte sie,

1. Frau: Du magst ein Arzt sein –
Aber für sie bist Du die Krankheit.

Geister: Bist Du die Krankheit, Krankheit.

Vater: Da wußten wir bereits
Wir sind das Problem, wir sind die Endlösung.

Tochter u. Kind: Endlösung?

Vater: Man ahnt den Geruch der nächsten „Aktion“,
Getragen vom Wehklagen der Frauen.
Die schon verloren und die noch verlieren sollen
Klopfen an die Tür und flehen –
Klopfen, flehen, Klopfen, flehen

MännerGeister: Klopfen, flehen, Klopfen, flehen………..

FrauenGeister: Herr Doktor, Herr Doktor,
bitte, bitte, Herr Doktor,
Gib uns ein Fläschchen „Tod“, ein Fläschchen „Tod".
Einen langen, süssen Schlaf für die Kinder,
Heile sie von der Bürde des Lebens.
Schenke uns Frieden,
Eine kleine Kapsel Schlaf, Eine kleine Kapsel Schlaf.
Bitte, Herr Doktor, bitte, Herr Doktor.

Vater: Unsere Stadt,
Eine traurige Geisterstadt.
Auf den Strassen trocknet das Blut.
Aus Höhlen und Gruben
Kriechen, die noch leben,
Verlassen, überwältigt von Schmerz,
Wahnsinnig stammeln sie ihr Elend hinaus.

Frauengeister + Vater + MännerGeister zusammen:
FrauenGeister: Herr Doktor, Herr Doktor,
Bitte, bitte, Herr Doktor,
Gib uns ein Fläschchen „Tod“, ein Fläschchen „Tod".
Einen langen, süssen Schlaf für die Kinder,
Heile sie von der Bürde des Lebens.
Schenke uns Friede
Eine kleine Kapsel Schlaf, Eine kleine Kapsel Schlaf.
Vater: Unsere Stadt,
Eine traurige Geisterstadt.
Auf den Strassen trocknet das Blut.
Aus Höhlen und Gruben
Kriechen, die noch leben,
Verlassen, überwältigt von Schmerz,
Wahnsinnig stammeln sie ihr Elend hinaus.
MännerGeister: Klopfen, flehen, Klopfen, flehen...

Tochter: Bitte, Herr Doktor, bitte, Herr Doktor.
Wie liebte ich es, krank zu sein.
Welche Zärtlichkeit verströmtest Du als Arzt.
Erinnerst Du Dich,
Wie sie manchmal mitten in der Nacht kamen,
Die Fremden, und Papa - Papa -
Ich durfte ihn niemals aufwecken,
Niemals, niemals weil...

Mutter: Papa hat einen leichten Schlaf,
Er kann keinen Lärm vertragen,

Tochter: Aber wenn Fremde Dich aufweckten,
Sprangst Du fröhlich aus dem Bett!
Wie liebte ich es zu sehen,
Wie seine Hände, die mich so oft schlugen,
Zart ein fieberndes Baby umfingen. Zart...
Ach! Wie liebte ich es, krank zu sein, krank zu sein.

Kind: Aber ich bin Geboren mit einer unheilbaren Krankheit,
Ein jüdisches Kind, schwarzhaarig,
Schwarzäugig und beschnitten.

Geister: Du bist die Krankheit.

Kind: Papa sagte: “Heutzutage ist das eine tödliche Krankheit.”
Ich aber wurde zu ewiger Liebe verurteilt,
ewiger Liebe, ewiger Liebe, ewiger Lie-

Bild 4

(Die Davonlaufenszene)

Chor: Das Schicksal der jüdischen Kinder ist das schrecklichste.
Die Mörder erschiessen sie nicht,
Sie werfen sie lebendig in die Gruben.

Vater: Ich werde es nicht zulassen!
Ich finde einen Fluchtweg.
Ich nehme meinen Sohn und meine Frau,
Und wir fliehen.

Frau: Von Ort zu Ort.

Vater: Nachts in die Dörfer,

Frau: Am Morgen zurück.

Vater: Das Kind schläft nicht mehr,
Mein kluges, schönes Kind,
Abgerichtet, bei Nacht zu laufen
Von Dorf zu Dorf.

Frau: Man darf nirgendwo bleiben. 

Vater:Die Füße so klein,
Große Augen voller Fragen...
Ich darf nicht zurückblicken.

Chor: Eine Aktion, eine Aktion,
Eine Aktion, eine Aktion, eine Aktion!

Vater u. 1. Frau:Wir laufen, wir laufen.
In den Wald, aufs Feld.

Geister: Lauft, lauft weg!

Vater u. 1. Frau:
Wie betrunkene Kakerlaken.

Geister: Lauft, lauft weg!

Vater u. 1. Frau:Über Zäune, durch Wasserkanäle.

Geister: Lauft, lauft weg!

Vater u. 1. Frau: Durch Sümpfe und Felder.

Geister: Lauft, lauft weg!

Vater u. 1. Frau: Solange wir atmen können.

Geister: Lauft, lauft weg! Lauft, lauft weg! Lauft, lauft weg!
Lauft, lauft weg!

Vater: Mine Frau ist so mager geworden.
(bleibt stehen)

Fliehende / Geister: Lauft! Lauft!

Frau: Und mein Kind ist krank.

Fliehende / Geister: Nicht stehen bleiben, lauft! lauft!
weiter laufen! weiter laufen! weiter laufen!

Frau: Nein! Nein!
Wir können nicht mehr weiter.
Er braucht ein Bett.

(1. Frau singt ein Wiegenlied  und legt das Kind liebevoll schlafen)

Unter deine weisse Steren
Streckt zu dir mein weisse Hand.
Meine Werter seien treren,
Wilen ruhen in dein Hand.
Seh, es tunkelt seier Finkel
In mein kelerdiken Blick,
Un ich hob garnit kein Winkel
Sei zu shenken dir zurick.
Un ich hob garnit kein Winkel
Sei zu shenken dir zurick.
(Die Geister schauen verzweifelt zu und gehen ab)

Vater: (zur Tochter):  Schau ihn an,
Ein kluges, hübsches Kind,
Niemals laut ist,
Keine Fragen stellt.
Große Augen, kleine Füße.
Niemals laut, stellt keine Fragen,
Schau ihn an, mein hübsches Kind.

Tochter: Ein kluges, hübsches Kind?

Vater: Mein Sohn.

Tochter: Nicht so wie ich.

Vater: Stellt keine Fragen.

Tochter: Nicht so wie ich.

Vater: Gehorsam und still.

Tochter: Ich bin widerborstig und zornig.

Vater: Isst wie ein Vogel.

Tochter: Und ich habe nie genug...

Vater: Mein Sohn den ich liebte, mit all meiner Seele.

Tochter: Und mich? Liebtest Du mich auch? Vater?!!

Bild 5

Sohn: Gute Nacht, Papa, gute Nacht, Mama. Gute Nacht.

1. Frau: Unter deine weisse Steren
Streckt zu dir mein weisse Hand.

Vater:Hätte ich nur gewusst,
Hätte ich gewuss.

Sohn+Frau + Geister: Dass dies eine Nacht ohne Morgen sein würde,
Endlos und schwarz,
Die Sonne für immer erloschen.

Vater:  Nirgendwo war es sicher
Ich mußte ein Versteck finden.
Nur für eine Nacht, eine Nacht verließ ich sie,
Nur diese eine Nacht,
Doch in dieser Nacht,
Doch in dieser Nacht, in dieser Nacht...

Frau+Sohn+Geister: Du konntest es nicht ahnen.

Vater: Wäre ich nur bei Euch geblieben,
Selbst wenn das unser Todesurteil wäre.
Wäre ich nur an Eurer Seite erwacht,
Wäre ich nur geblieben,
Um mir Eure Gesichter einzuprägen,
Jede Falte, jede Linie
Wäre ich nur bei Euch geblieben.

Frau: Aber ich war es, die Dir sagte:
Geh! Geh mit Deinem Bruder.
Heute nacht ist es sicher.
Geh mit Deinem Bruder,
Finde ein Versteck für die kommenden Nächte.
Geh mit Deinem Bruder, Geh, Geh...

Vater: Und ich ging...
Ich ging, Ich ging und ließ sie zurück.

Bild 6

Bruder: Kommst Du? 
Komm schon!

Vater: Gehen wir.

Bruder: Die Straße ist frei.

Vater: Die Nacht ist so dunkel...

Bruder: Es ist so still...

Vater: Die Stille erschreckt mich.

Bruder: Hast Du gehört?
Hör hin!

Vater: Die Stille - sie dröhnt.

Bruder: Nein, hör doch! Es klingt wie Donnergrollen.
Es kommt auf uns zu.

Vater: Was ist das?
Schüsse, Explosionen.

Bruder: Das kommt aus der Stadt,
Man hat uns verraten!
Meine Frau...
Mein Sohn...

Vater:Meine Frau, Mein Sohn! Sie sind dort, ganz allein...
Hätte ich es nur gewusst... Hätte ich gewusst...

(Stille. Sie bleiben stehen, verharren regungslos, niedergeschmettert beim Anblick der Stadt ).

Vater: Diese Stille ...
Bruder:Ersticktes Weinen und Schmerzensschreie.

Vater+Bruder: Die Erstochenen, die Gefolterten, die Erschossenen, die Verbrannten.

Totenchor:
Ein farbloser Morgen graut,
Eine Todeswolke bedeckt die Stadt,
Blut fließt in den Strassen.
Wir beweinen unsre Toten,
Wir weinen um ihr Leben und ihren bitteren Tod.

Vater:Wer ist da?
Da kommt ein Kind ...
Das ist...

Bruder: mein Sohn!
Mein Kind...Mein Sohn!
Er lebt! Er lebt! Mein Sohn lebt!
(zum Kind):  Mein Liebling, sag mir, wo ist Deine Mutter?

Vater: Und meine Frau? Und mein Sohn ?...

Bruder: Wo sind sie alle? Was ist passiert?

Vater: Meine Frau... Mein Sohn...
Sprich mit mir! Sag was! Sag was!

Bild 7

Tochter: Verloren? Alle?! Alle?!
In einer einzigen Nacht?
Wie? Was ist geschehen?
Erzähl es mir,
Erzähl mir!

Vater: Und doch, als ich wusste, dass mein Leben vorbei war
Und keine Hoffnung auf ein Lächeln mehr,
Da traf ich Dich.

Chor: (Alle Geister)
Ein gut aussehender, junger Arzt,
Mit Augen voller Qual.
In den Tagen, die nach jenen Tagen kamen...

Mutter: Wahnsinnig vor Schmerz,

Geister: In den Tagen,

Mutter: Wollte ich sterben.

Geister: Die nach jenen Tagen kamen...

Mutter: Und da kamst Du wie ein Engel.
Er sammelte meine Scherben ein,
Und flickte meine Seele zusammen.
Er hauchte mir neues Leben ein, 
Und pflegte meine Wunden.

Vater u. Mutter: Im Namen der Liebe schworen wir,
Die Bürde zusammen zu tragen.

Mutter: Gemeinsam zu vergessen,
Schweigend aufzubrechen,
Ohne das Geheimnis zu wecken.
Nur fort zu gehen,
Fort zu gehen, weit weg von diesem Ort!

Tochter: Wer bist Du? Eine Ehefrau, aber keine Mutter.
Die will, aber nicht kann,
Die heute liebt und morgen hasst,
Die urplötzlich wütend um sich schlägt
Und dann um Vergebung fleht wie ein Kind ?
Wer bist Du?
Eine Frau, die nicht vermochte, meine Mutter zu sein.
Die mal lacht und mal weint.
Warum weinst Du, Mama?
Warum weinst Du?

Bild 8

Grossmutter: (zur Mutter):  Warum weinst Du?

Mutter: Mama? Mama?

Großmutter: Der Krieg ist vorbei, wir haben überlebt,
Trockne deine Tränen, geh erhobenen Hauptes.
Du lebst, Du lebst, also heule nicht, heule nicht .
Um Dich herum  nur Tod und Zerstörung,
Aber Du stehst aufrecht, aber Du stehst aufrecht,
Du wurdest gesegnet,
Also lächle, lächle, lächle, lächle,
und danke  Gott.

Russischer Offizier: Der Krieg ist vorbei, wir haben überlebt!

Mutter: Der Krieg ist vorbei, wir haben überlebt,
Nur Mama und ich
In einer leeren Welt, leeren Welt.

G. Mutter: Wir laufen.

Mutter: Wohin? Wohin?
Zu welchem Zuhause?

R. Offizier: Der Krieg ist vorbei, wir haben überlebt!
Auf dem Weg nach Hause, an einem Kreuzweg
Ein barfüßiges Mädchen
In einem dünnem Hemd, dünnem Hemd,
So lieblich, so lieblich, so schön....
    Wollt ihr nach Osten?

Grmutter: Wohin? Wohin immer Sie wollen.

Mutter: Nach Proskurov. Drei Tage Fahrt...

Offizier: Für Dich? Für Dich meine Schöne,
Auch bis ans Ende der Welt.
Steig ein!

Mutter: Und Mutter?

Offzier: Die Alte setzt sich nach hinten.
Und Du, Prinzessin, kommst neben mich.
 (Der Offizier summt ein Liebeslied, die Großmutter singt mit.)
Syertse, tyebye nye chotcheetsa pakoya,
Syertse, kak charasho na svyetye zhit',
Syertse, kak charasho, shot ty takoye,
Spasibo syerrtse...

Mutter (unterbricht): Und dann,
In der dritten Nacht –
hielt der Jeep an.

Offzier: Nur für eine Nacht, morgen fahren wir weiter.

Mutter: Und meine Mutter überließ mich ihm,

G. Mutter: Denn alles hat seinen Preis.

Mutter: Arm-in-Arm,
Ging ich mit ihm in seine Baracke,
Arm-in-Arm,
In sein verfluchtes Brautbett,
Arm-in-Arm,
zur unseligen Hochzeit.
Arm-in-Arm

G. Mutter: Alles hat seinen Preis.

(Der Offizier schreitet mit ihr die Bühne entlang, wie bei einer Trauungszeremonie. Er geht ab, sie bleibt allein zurück. Die Tochter und die Großmutter lauschen )

Mutter: Und an jenem Morgen nach jener Nacht, 
Die nie mehr genannt wird,
Am Ende des Krieges,
Da kehrte ich zu Dir zurück, Mama, und wollte sterben.

G. Mutter: Du dummes Mädchen! Dummes Ding! Worüber weinst Du!
Der Krieg ist vorbei, wir haben überlebt,
Trockne deine Tränen.
Du lebst, Du lebst, also heule nicht, heule nicht .
Um Dich herum  nur Tod und Zerstörung,
Aber Du stehst aufrecht, aber Du stehst aufrecht,
Du wurdest gesegnet,
Also lächle lächle lächle lächle
Und danke  Gott.

Tochter: Wußtest Du Bescheid, Papa? Wußtest Du von jener Nacht,
Jenem Morgen?
Von dem, das unerwähnt bleiben muß?

Vater u. G. Mutter + alle Geister:
Lass es, lass es, Kind,
Wer nicht kann, muss auch nicht können.
Nicht jede Erinnerung schliesst in sich eine  Geschichte.
Und nicht jede Geschichte reduziert sich auf Worte.
Und nicht jedes Wort findet eine Sprache.
Und die Sprache zuweilen findet nicht den Ton.
Lass, Kind, lass es.
Wer nicht kann, muss auch nicht können.

Tochter: Aber Ihr wart da, zu zweit gegen mich.
Schweigen mit Schweigen verflochten,
Geheimnis mit Geheimnis.
Miteinander verbunden
In wortlosem Verstehen,
Eine Mauer, Mauer, Mauer des Schweigens.
Ihr habt ein Haus errichtet,
In dem Morgen für Morgen die Vergangenheit  erwacht.
Ihr kratzt Eure Wunden
Und verachtet, die lachen,
Verspottet, die Trost, die Trost finden in der  Zukunft.
Warum gibt es für Euch keinen Trost?
Du hast Dich nicht versündigt, Papa.
Du hast getan, was Du konntest,
Alles andere wurde Dir angetan.
Du bist ohne Schuld.

Bild 9

Vater: Rache.
Was bleibt mir?
Rache! Rache! Nur Rache!
Das jüngste Gericht wird kommen,
Durch meine eigenen Hände,
Nicht vom Himmel. Nicht vom Himmel.
Jetzt weiß ich, die Himmel sind leer
Und kein Richter ausser mir. Ausser mir.
Ich bin allein auf der Welt.
Wofür? Wofür?
Warum ich?
Warum blieb ich allein in der Welt?
Was bleibt mir? Was bleibt mir?
Nur Rache. Rache! Rache.

Bruder: Komm, es gibt ein Versteck.
Komm, unweit vom Tal liegt ein Haus,
Inmitten eines Kornfelds.
Dort wohnt ein gewisser Herr B.,
Ein Ukrainer, vernünftiger, tapferer Mann.

Herr B.: Tapferkeit hat ihren Preis.

Bruder: In Ordnung! Wir zahlen! Wir zahlen!

Herr B: Bar und vorab.

Bruder+Vater: Was immer Sie fordern.

Herr B: Und Wertsachen?

Bruder: Wir geben Ihnen alles.

Herr B: Und das Kind?

Tochter: Was ist mit dem Kind?

Bruder: Was ist mit dem Kind?

Vater: Was ist mit dem Kind?

Herr B: Es wird uns alle verraten.
Es wird uns alle ins Unglück stürzen!

Tochter: Aber es ist nur ein Kind.

Maedchen B: Aber es ist nur ein Kind. Aber es ist nur ein Kind.

Herr B: Das Kind… steht nicht im Vertrag.

Bruder: Er ist gut erzogen.
Er bleibt mit uns hier im Dunkeln.

Herr B + Frau: Es wird uns alle verraten.
Es wird uns alle ins Unglück stürzen!

Maedchen B: (singt)

Vater: Er ist gehorsam und ruhig.

Frauen: Es wird uns alle verraten -

Herr B: Nur einen Mucks...

Vater+Bruder: Keine Sorge, Keine Sorge !

Herr B: Ein Weinen oder Lachen –

Maedchen B: Tralalala weinen, tralalala lachen lachen.

Bruder: Er wird mäuschenstill sein.
Ich schwöre, ich schwöre bei unserem Leben.

Herr: Er schwört beim Leben eines Juden... (lacht)
Besser, Sie schweigen...
(Gehen ab)

Maedchen B:(singt ein Ukrainisches Lied, das Kind singt mit, hört aber auf zu singen und sie singt allein weiter)
Cervone pass za passem brogne,
I topur tzo blishtche zdala.
Vesola mishle isvo bodna dlon,
to strui I jitche utzala.
Tam shum Prutu Cheremoshu
utzala pshegriva.
A ochota Kolomeiki
do tainzu po ri-va.
Dla utzula niema jitche
jak napoloninie,
gde golosse vdal pojutzum
vnet tem sknote zginie.
(Rot das Wehrgehenk, weithin blitzend das Schwert,
Traurig der Geist, frei die Hand  -  so lebt der Hutsul
Wo die Wasser fließen von Prad und Cheremosha, dort tanzt zu ihrem Rauschen der Hutsul die Kolomeika
Kein Leben hat der Hutsul, aber er steigt auf zu den Bergen
Zwingt aber das Schicksal ihn zu weit fort,  so stirbt er vor Sehnsucht.)

Vater: Die Erde ist naß.

Bruder: Es ist eisig kalt.

Kind: Aber ich, ich bin still wie ein Mäuschen.

Maedchen B: (singt)

Kind: Draussen hört man Kinder...

Vater: Drinnen nur Stille.

Kind: Seht Ihr?! Seht Ihr?!  Ich bin, ...ich bin still wie ein Mäuschen.

Herr B. + Frau:Es wird uns alle verraten. 
Es wird uns alle ins Unglück stürzen!

Maedchen B: (singt)

Kind: Aber ich, seht Ihr, ich bin still wie ein Mäuschen.

Herr B. + Frau: Es wird uns alle verraten.
Es wird uns alle ins Unglück stürzen!

Maedchen B: (singt)

Kind: Draußen singen Kinder... Draußen singen Kinder

Bruder:   Und mein Sohn darf weder sprechen, noch weinen…

Herr B: Das Kind ist nicht ruhig, das ist gefährlich –

Vater: (zum Bruder) Er will mehr Geld.

Bruder: (zu Herrn B) Wir haben Ihnen alles gegeben,
Aber wir treiben mehr auf, wenn Sie wollen.

Herr B: Ruhe! Ruhe will ich haben!
Machen Sie was mit dem Kind!

Kind: Aber ich… ich bin still wie ein Mäuschen...

Herr B: Es wird uns alle verraten.
Es wird uns alle ins Unglück stürzen!

Maedchen B: (singt ein lied)

Vater: Das Kind hält es nicht mehr aus.

Bruder: Draußen singen Kinder...

Kind: Und ich darf nicht... ich darf nicht.
Ich höre Kinder spielen, draußen, in der Sonne...

Frau B: Es wird uns alle verraten.
Es wird uns alle ins Unglück stürzen!

Kind: Ich kann nicht mehr still sein.
Ich möchte auch singen!

Bruder: Ich habe Angst.
Mein Sohn ist so still ....
Diese Ruhe ist wie eine tickende Bombe.

Kind: Ich möchte raus!
Ich kann nicht mehr still sein!
(Sie gehen aus dem Erdloch nach oben)

Bruder: Vergiß nicht! Still wie ein Mäuschen!

(Das Kind summt und lacht)

Kind: Papa, Papa...Papa....
Hast Du mich lieb, Papa? Hast Du mich noch lieb?
Papa...

Vater: (zu sich selbst) Er ist nicht zu beruhigen.

Bruder: Sei still, sage ich.

Herr B + Frau: Es wird uns alle verraten.
Es wird uns alle ins Unglück stürzen!

Kind: Hast Du mich noch lieb?

Bruder: Ich kann nicht mehr.
Sei still!!

Kind: Liebst Du mich ? Liebst Du mich ? Papa?

Vater: Vor meinen Augen ergreifst Du ihn
Mit Deinen gütigen Vaterhänden,
Greifst nach Deinem Sohn, Deinem einzigen, den Du liebtest,
Erdrosselst seine erstickten Schreie.
Und ich steh davor wie eine Salzsäule.

Bruder: Soll ich los lassen? ...

Tochter: Ja!

Vater: Aber ich sagte nichts.
Ich konnte nicht.

Bruder: Soll ich los lassen?

Tochter: Ja! Lass ihn los!

Vater: Aber meine Zunge war wie eingefroren,
Alles Denken erstarrt.

Bruder: Sprich! Soll ich los lassen?

Tochter: Rette ihn. Du bist doch Arzt! Du musst das Kind retten!

Vater: Und ich tat nichts – und schwieg
Eine Salzsäule, eingefroren und stumm.

Tochter: Lass ihn los! Lass los!
Sprich schon! Sprich!
(Der Vater schweigt. Das Kind stirbt)

Bild 10

Vater: Und so hörte ich auf, ein Mensch zu sein.

Geister(Alle, im Hintergrund):
Bete nicht, hoffe nicht –
Der Himmel ist leer, der Himmel ist leer .
Niemand  hört zu– der Himmel ist leer.

Tochter: An diesem Tag hörte Vater auf,
Ein Mensch zu sein.
Ich wuchs auf im Haus eines Toten.
Stark und weise, aber tot.
Er verbot mir zu weinen.
Jedes Gefühl ein Zeichen von Schwäche.
Denn nur die Starken überleben.
Er sehnte sich nach einem Sohn,
Den verlorenen zu ersetzen
Und jenen, den er sterben ließ.
Aber - er bekam mich.
Denn der Himmel ist leer.
Und niemand hört zu.
Wie konnte  ich wissen, Vater?
Wie sollte ich verstehen?
Wie konnte ich vergeben?

Geister: Yitgadal veyitkadash shme Raba.
(Sie singen weiter im Hintergrund) 

Tochter: Ich hielt mein Versprechen.
Ich erzähle Deine Geschichte, Vater.
Dies ist mein wirklicher Abschied.
Jetzt lerne ich zu vergeben und zu vermissen.
Endlich Frieden.

Yitgadal veyitkadash shme Raba.

 Ende.

 


Presse



 
Willi Kramer, Die Welt
26 Februar 2010
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  Andreas Berger, Braunschweiger Zeitung
27 Februar 2010
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Ingeborg Obi-Preuß, Neue Braunschweiger
28 Februar 2010
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  Stefan Arndt, Hannover Allgemeine Zeitung
4 März 2010
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Irene Constantin, Musikjournal
1 März 2010
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  Amrei Flechsig, Das Orchester
Mai 2010
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...Was die zuschauer erwartet, ist ein ebenso beklemmendes wie persoenliches Werk... Herausgekommen ist ein angesichts des Hintergrunds erstaunlich unsentimentales Werk. "Baruchs Schweigen" ist kein Illussionstheater, eher schon ein bedrueckendes Stueck vom langen zurueckenden Ende der Illusionen. Die Wirkung ist so stark, dass das Theater es nicht fuer Jugendliche unter 16 Jahren emnpfiehlt.

Die Welt, Willi Kramer, 26/2/10


Mit Der Oper "Baruchs Schweigen" wurde in Braunschweig ein zukuenftiges Erfolgsstueck uraufgefuehrt... Milch-Sheriffs Tonsprache ist sehr plastisch...Der text, der bei viele modernen Komponisten in einer belanglosen Rezitativform vorgetragen wird, ist bei ihr in einen originellen, melodischen Kompositionsstil eingebunden, der das Stueck auch fuer die Saenger attraktiv macht....Ebenfalls dankbar ist die Rolle des Kammerorchesters, das mit vielen Solopartien sehr abwechslungsreich und farbig eingesetzt ist. Im aufwendigen Musiktheaterbetrieb haben neue Stuecke oft eine kurze Lebensdauer, die nicht ueber die erste Produktion hinausreicht. "Baruchs Schweigen" aber wird sicher auch bald an anderen Haeusern erleben sein.

Hannover Allgemeine Zeitung, Stefan Arndt, 4/3/10


Bewegende Opern-Uraufuehrung der israelichen Komponistin Ella Milch-Sheriff... Das funktioniert wie in einem Ibsen-Drama...Dazu laesst Ella Milch-Sheriff eine gemaessigt moderne Kammermusik erklingen, durchpulst von einer Art Zeitschlag. Es ist eine staendig durch alle Instrumente wandernde Minimalfigur, die dem Stueck unterschwellige Spannung gibt. Die Streichbegleitung ist oft traeumerisch, manchmal sehnlich oder schmerzlich... Viel Applaus fuer eine bewegende Uraufuehrung...

Die Deutsche Buehne, 4/10 Braunschweiger Zeitung, Andreas Berger, 27/2/10


...Die Oper dauert nur 1 1/2 Stunden. Diese Zeit aber ist von einer manchmal atemlosen Intensitaet, die die besucher pausenlos in ihren Bann zieht... Das Ergebnis ist ein spannungsvolles und fesselndes Stueck Musiktheater. Das Braunschweiger Publikum dankt es mit aussergewoehnlich langem Beifall.

NDR Kultur, Hans Stallmach, 26/2/10


...Ella Milch-Sheriff entwirft ein bezwingendes Psychogramm...Milch-Sheriffs Tonsprache ist mal dramatisch-aufbrausend, mal kammermusikalisch, mal ganz liedhaft, dabei bleibt sie einer tonalen Grundlage verpflichtet...Grosser Applaus fuer diese bemerkenswerte Uraufuehrung, Ella Milch-Sheriff galt dabei der groeste Zuspruch des Publikums. Sie hat mit dieser Oper vor allem grossen Mut bewiesen, sich so tiefgreifend mit der eigenen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen.

Opernnetz.de - Zeitschrift fuer Musiktheater und Oper, Christian Shuette, 28/2/10


Ella Milch-Sheriffs Musik ist bei aller Durchsichtigkeit des filigranen Satzes eine handfeste Opernmusik. Die Singstimmen sind ueber lange Strecken in einem ariosen Parlando gefuehrt, das von einem Kammerensemble zumeist kantabel begleitet wird. Zustimmend kommentierende, kontrastierende und verstaerkend illustrierenden Passagen loesen einander ab. Den wichtigsten Personen sind wiederkennbare musikalisch Figuren zugeordnet. Die chorischen Ensemble der Geister brechen diesen Strom wohltuend auf. Das musikalische Material allerdings entwickelt sich zunehmend zu einem irisierenden Patchwork aus musikalischen Erinnerungen... Von Sentimentallitaet hielt sich ella Milch-Sheriff erfreulich fern. Es klingt moderne israeliche Musik mit ihren multikulturellen Quellen an, es klingen europaeische Erinnerungsfetzen in vielfaeltiger Form an....

Deutschland Musikjournal, Irene Constantin, 1/3/10


...Perlen Kindheitsklaenge wie von einer Spieluhr durch den Raum, kurz danach soehnen Opfer unter der Folter..Die Zuschauer muessen jeden schritt dieser geschichte mit durchleiden...Fuer das Ensemble scheint Distanz zur Geschichte nicht moeglich, sie spielen wie im Rausch...

Neue Braunschweiger, Ingeborg Obi-Preuß, 28/2/10


 
 


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