Sängerin:
Vater starb 1989, am Tag nach Pessach.
Zwei Monate später erreichte uns ein Anruf aus Jerusalem.
Eine junge Frau mit starkem polnischen Akzent wollte Vater sprechen.
„Es ist zu spät“, sagte Mutter.
Aber die Frau ließ sich nicht abweisen. Sie sei eine polnische Journalistin zu Besuch in Israel.
Es gäbe ein Manuskript, Teil eines Tagebuchs, das er während des zweiten Weltkriegs geschrieben habe.
Sie wisse, dass er seit vielen Jahren nach diesem Manuskript forsche.
Sie bat um Erlaubnis, Teile des Tagebuchs in Polen zu veröffentlichen.
Ich entschloss mich, das Manuskript aus Polen zu holen.
Allein und mitten in der Nacht kam ich in Warschau an.
Es war kalt und es regnete.
Alles wirkte grau und bedrückend.
Ein seltsames Gefühl der Vertrautheit packte mich, doch es war zugleich sehr fremd und bedrohlich.
Es war, als sei ich an die Plätze meiner Kindheit zurückgekehrt.
Ich war auf dem größten Friedhof des jüdischen Volkes angekommen.
Vaters Tagebuch lag vor mir auf einem langen schmalen Holztisch in zwei braunen Pappkartons, die mit einer Schnur zusammengehalten wurden.
Ich war überwältigt.
Ich hätte nicht erwartet, so viel vorzufinden.
Vater hatte mit Bleistift geschrieben – in Schulheften,
seine Schrift war gedrängt, energisch und doch klar.
Jede Seite war voll geschrieben von Rand zu Rand, von oben bis unten,
sogar auf den Umschlägen der Hefte hatte er Notizen gemacht.
Erzähler: Am Freitag, dem 1. September 1939 begann das Ende meines wirklichen Lebens.
Sängerin:
(Paul Celan)
Verbracht ins
Gelände
mit der untrüglichen Spur:
Gras, auseinandergeschrieben. Die Steine, weiss,
mit den Schatten der Halme:
Lies nicht mehr – schau!
Schau nicht mehr – geh!
Geh, deine Stunde
hat keine Schwestern, du bist –
bist zuhause. Ein Rad, langsam,
rollt aus sich selber, die Speichen
klettern,
klettern auf schwärzlichem Feld, die Nacht
braucht keine Sterne, nirgends
fragt es nach dir.
Erzähler:
Mai 1943.
Blutige Aktionen
Das Schicksal der jüdischen Kinder war das schlimmste von allen.
Die Mörder erschossen sie nicht,
Sie warfen sie in die Gruben, noch lebend.
Wir fliehen von Versteck zu Versteck.
Bei Nacht in die Dörfer,
Bei Tag kommen wir zurück.
Wir lassen unseren Sohn bei seiner Großmutter
In ihrem sicheren Heim in dem Vorort.
Wir kehren in unser Haus zurück.
Plötzlich, gegen 2.30 Uhr in der Nacht, wecken uns Klopfzeichen an unserer Haustür.
„Das ist eine Aktion!“ Man hat uns verraten.
Mein Kind!
Wir laufen weg.
Vierunddreißig Stunden des Grauens.
Unter dem Stroh auf dem Speicher eines nahe gelegenen Klosters
Mein Kind! Mein Sohn!
Durch einen Spalt zwischen den Brettern sah ich schreckliche Bilder:
Kinder mit zerschmetterten Köpfen.
Körper von Frauen und Männern, blutüberströmt.
Massaker!
Mein Kind!
Wir müssen zu ihm!
Es ist zu spät.
„Nein! Nein, es kann nicht sein!
Wie ist es möglich, dass niemand mein Kind verstecken wollte?
Gab es in der ganzen Stadt keinen einzigen Menschen, der mein süßes Kind beschützen wollte?
Ich habe ihnen immer geholfen,
Habe ihre Kinder zur Welt gebracht
Ich habe so viele kranke Menschen gerettet,
Gab es keinen einzigen, der bereit war, mein gesundes Kind zu retten?
Wir gehen zum Friedhof
Auf dem Wege der Ermordeten,
auf dem Wege des Todes.
Fotos, Papierfetzen,
Bilder, Zeitungen, Haarbüschel, Kleider, Blutspuren.... und leere Patronenhülsen.
Drei riesige Gruben.
Neben jeder der Gruben Blutlachen,
Berge von Körpern,
In welche Grube haben sie meine Familie geworfen?
Sängerin
(Paul Celan)
Nirgends
Fragt es nach dir –
Der Ort, wo sie lagen, er hat
Einen Namen – er hat
Keinen. Sie lagen nicht dort. Etwas
Lag zwischen ihnen. Sie
Sahn nicht hindurch.
Sahn nicht, nein,
Redeten von
Worten. Keines
Erwachte, der
Schlaf
Kam über sie.
Erzähler:
Rache! Nichts als Rache!
Ich kaufte von einem ukrainischen Bauern eine österreichische Steier-Pistole
mit hundert Schuß Munition.
Ab diesem Moment habe ich die Pistole immer bei mir getragen.
Ich werde keine leichte Beute sein.
Wir laufen weg,
Wir sind fünf:
Meine Frau, mein Schwager, seine Frau, ihr kleiner Sohn und ich.
Wir kommen zu einem ukrainischen Bauern, Herrn B.
Wir setzen einen Vertrag auf, der unsere gegenseitigen Verpflichtungen enthält.
5. Juni 1943
Partei A – Herr B. und seine Frau
Partei B – wir
Partei A verpflichtet sich ehrenwörtlich:
Eins: Partei B zu verstecken, (vier Erwachsene) solange ihr Leben in Gefahr ist.
Zwei: Sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern.
Drei: Für ihre Sicherheit zu sorgen.
Partei B verpflichtet sich wie folgt:
Eins: Volle Erstattung der Auslagen nach dem aktuellen Kurs.
Zwei: Bezahlung für Verpflegung und Unterkunft in Dollar.
Drei: Extrazahlung für den Schutz des Lebens zwei Morgen Land vom ersten Tag an und in den folgenden sechs Monaten.
Vier: Für jeden weiteren Tag ein weiterer Morgen Land.
Fünf: Beide Parteien verzichten auf notarielle Bestätigung.
Das Versteck.
Ein Loch unter der Erde.
Ungefähr einen Meter 25 hoch und breit.
Nachts auf den Dachboden, um Luft zu schöpfen.
Farbenprächtige, zur Ernte bereite Felder draußen – grün, gelb, rot, violett. Ein wundervolles Bild.
Der Duft der Blumen weckt unseren Schmerz.
Kinderstimmen draußen.
Herr B. erlaubt in keinem Fall dass das Kind bei uns bleibt.
Das Kind könnte uns alle verraten und eine Katastrophe auslösen.
Herr B. möchte mehr Geld haben.
Er behauptet, er werde erpresst.
Das Kind magert immer mehr ab.
Es muss den ganzen Tag in dem Loch sitzen.
Darf nicht reden, darf nicht weinen.
Warum dürfen die Kinder von B. spielen und lachen draußen in der frischen Luft?
Warum darf gerade er nicht?
Herr B. bringt unsere Essensrationen, aber nichts für das Kind.
Er sagt, wenn wir den „kleinen Bastard“ nicht loswerden, muss man ihn ersticken.
Sonst wird man entdecken, dass hier Juden versteckt sind.
In der Nacht geht mein Schwager, um ein Versteck für das Kind zu suchen.
Er kommt verzweifelt zurück. Er hat überhaupt nichts erreicht.
Das Kind lässt sich nicht länger ruhig halten.
Es will sich bewegen, will herumrennen und spielen.
B. übt Druck auf uns aus.
Wir flehen ihn an, dass er noch etwas wartet.
Am 18. Juni um sieben Uhr abends
klettert meine Schwägerin mit ihrem Kind aus dem Versteck.
Das Kind lässt sich nicht mehr bändigen. Es rennt und hüpft.
Wie ein Vogel, der aus seinem Käfig befreit wurde,
Es lässt sich nicht beruhigen.
Plötzlich springt mein Schwager auf.
Er legt eine Hand um den zarten Hals des Kindes, um seine Schreie zu ersticken.
Die Augen des Kindes treten aus ihren Höhlen, seine Zunge kommt heraus,
dann wird es still.
„Loslassen?“
„Ja...nein...ja...nein...“
Ich kann mich nicht entscheiden.
Mein Schwager kniet neben seinem Sohn, bewegungslos.
Sein Gesicht ist kreideweiß.
Er kann seine Augen nicht vom Gesicht seines sterbenden Kindes abwenden,
es verfärbt sich blau... violett....
Ich nahm die Hand des Kindes.
Kein Puls mehr.
So, innerhalb von zwei Minuten, in totaler Stille,
endete das Leben des Kindes,
die Freude seiner Eltern,
vor den Augen seiner Mutter und seiner Familie.
In diesem Moment fühlten wir, dass wir aufgehört hatten, Menschen zu sein.
Wir gehen, um ein neues Versteck zu suchen.
Schweren Herzens umarmen wir unsere Frauen zum Abschied.
Herr B. verspricht, dass er sich um sie kümmern wird, bis wir zurück sind.
Nach drei Tagen finden wir einen Platz.
In der Nacht gehe ich, um unsere Frauen zu holen.
Ich nähere mich Herrn B.’s Haus.
Es ist zu ruhig.
Der Hund bellt nicht
Die Kuh ist weg.
Ich rufe B., aber niemand antwortet.
Das Haus ist leer.
Ich gehe hinein.
Ein schrecklicher Anblick. Alles durcheinander.
Das Versteck wurde entdeckt. Ist da niemand?
Ich laufe zum Dachboden hoch.
Keine lebende Seele dort.
Ich gehe hinaus in den Hof.
Der leblose Körper des Hundes liegt unter einem der Fenster.
Im Dunkel trete ich gegen etwas und stolpere.
Das Licht meiner Taschenlampe fällt auf den Körper meiner Schwägerin.
Das Blut ist noch nicht getrocknet.
Ich bin zu spät gekommen.
Ich weiß nicht, wie lange ich neben ihr gesessen habe.
Den Körper meiner Frau fand ich nicht.
Vielleicht hatte sie es geschafft, zu entkommen.
Ich hoffte vergebens.
Ich lief ohne Atempause.
Erschöpft erreichte ich auf einem Hügel eine schäbige Hütte.
Ich lag unterm Dach in meinen nassen Kleidern.
Ich konnte nicht weinen.
Ich hatte niemanden, dem ich meine Geschichte erzählen konnte.
Ich fing an, mit mir selbst zu reden.
Sängerin
Ich bins, ich
Sprecher:
Aus der Stille Gottes – Du, ewiger Zeuge des Mordes...
Ich lag zwischen euch,
Aus der Tiefe rufe ich Dich
ich war offen war hörbar
Du, der das Böse nicht verdeckt
Bin es noch immer,
Und das Licht nicht trübst
und Ihr schlaft ja.
Auf das Leiden der Menschen
Auf den Schmerz, der nicht endet
Bin es noch immer,
Jahre, Jahre, Jahre,
Deine Stimme wird nicht gehört
Und deine Engel haben die Welt nicht verdunkelt
Ein Finger tastet hinab und hinan.
Kam, kam.
Kam ein Wort, Kam ein Wort,kam, kam
Aus der Tiefe rufe ich, wie ist das alles geschehen
Was krumm ist, kann nicht begradigt werden
Wollt leuchten, wollt leuchten.
Und ein Fehler wird nicht gezählt.
Und das Böse hört nicht auf
Und die Teufel auf Erden werden nicht bestraft,
Asche, Asche, Asche,
Enthülle mir ein Geheimnis vor der Vernichtung.
Nacht, Nacht
Ist der Himmel leer?
Nacht.
Ist der Himmel leer?
Nacht.
Ist der Himmel leer?
Erzähler:
Juli 1943
Ich bin in einem Versteck, auf einem Dachboden, in einem Dorf, bei guten Menschen.
Die Todesgefahr lauert, und die kleinste Unachtsamkeit kann mich das Leben kosten.
Ich weiß nicht, ob ich weiterleben soll, um diese Zeilen zu vollenden.
Und das sind meine Gebote:
Du sollst keinen anderen Gott haben als dich selbst.
Tu’ nur, was dir selbst nutzt, und opfere dich nicht für andere
Lebe das Leben bis zur Neige und genieße jeden Augenblick
Liebe dich selbst über alles
Gib anderen nichts, was dir selbst gut tut
Belaste deinen Kopf nicht unnötig
Härte dein Herz ab und höre nicht auf es.
Komme anderen nicht zu nahe, und erlaube ihnen nicht, dir nahe zu kommen.
Vertraue keinem.
Glaube nicht – der Himmel ist leer!
Ich wurde im Jahr 1907 in Podhajce geboren, einer kleinen Bezirksstadt in Ostgalizien, deren meiste Bewohner Juden waren. Die Landschaft um Podhajce ist wunderschön. Richtung Osten erhebt sich ein hoher Berg, dessen Gipfel von einem unberührten Tannenwald bedeckt ist. Der Fluss, der sich am Fuß des Berges dahinschlängelte, verbreiterte sich zu einer herrlichen Badebucht am Rande der Stadt. Das Wasser des Flußes war kalt. Gelbe und weiße Wasserlilien und andere Pflanzen schaukelten auf seiner Oberfläche...
Sängerin:
Am Freitag, dem 1. September 1939 begann das Ende seines wirklichen Lebens.
Als ich Vaters Tagebuch las, verstand ich.
Ich bin im Haus eines Toten aufgewachsen.
Er war ein starker und weiser, aber ein toter Mann.
Er lehrte mich, meine Gefühle zu unterdrücken,
Nicht in der Öffentlichkeit zu weinen,
Ein Zeichen von Gefühl gelte als Schwäche.
Nur die Starken überleben,
So formte er mich nach seinem Bild, dem Bild, das über allem steht.
Ich hielt mein Versprechen.
Ich habe dein Buch zu Ende gebracht, Vater.
Von deinem Buch habe ich gelernt, zu vergeben und zu vermissen.
Endlich Ruhe.
Friede deiner Asche.
(Übersetzung: Ingeborg Prior)
Ende
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