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Works / Opera / And the Rat Laughed / Libretto (German)


 

Und die Ratte lacht


Eine Oper in zehn Bildern
Nach dem gleichnamigen Roman von Nava Semel
Übersetzung aus dem Hebräischen von © Sharon Nuni, 2005

 
 

Libretto


Contents:
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Personen:
Die Großmutter (Mezzosopran)
Die Enkelin (Sopran)
Die Bäuerin (Mezzosopran)
Der Bauer (Bassbariton)
Der Pfarrer (Bassbariton)
Stash (Bass)
Lima Energeli (Sopran)
Das Grubenmädchen (die Großmutter in ihrer Kindheit)
Ein Mädchenchor

Im Libretto gibt es drei Erinnerungskreise:

  1. Die Großmutter, die eigentliche "Besitzerin der Erinnerung", die diese an ihre Enkelin weiterzugeben versucht. Das Grubenmädchen, das die Erinnerung als Gegenwart erlebt, und die handelnden Personen um das Mädchen herum: das Bauernpaar, das das Mädchen aus Geldgier versteckt und der Pfarrer, der das Mädchen schließlich gerettet hat.
  2. Die distanzierten Zeugen werden in Form der Personen Lima und Stash dargestellt - das Gedächtnis der Zukunft aus dem Jahr 2099.
  3. Die Stimme des Grubenmädchens bis zu seiner Rettung durch den Pfarrer, wird von einem Mädchenchor gesungen, der die Gefühle und heimlichsten Gedanken des Mädchens ausdrückt.

Der Stefan, der Bauernsohn, der das Grubenmädchen vergewaltigt und misshandelt hat, kommt physisch in der Oper nicht vor. Seine finstere und bedrohliche Figur kommt nur durch Text, Musik und Inszenierung zum Ausdruck.


 
 

Text (OFF) vor der Ouvertüre
Im Jahr 2099 entdeckt die Zukunftsforscherin Lima Energeli in der Bibliothek der menschlichen Erinnerungen, den Mythos „Die Ratte und das Mädchen“ dessen Ursprung aus dem Holocaust stammt. Stash, der Forschungskollege von Lima, weigert sich, diese Entdeckung zu publizieren. Lima stürzt sich in die Traummaschine von Stasch, und zwingt ihn gemeinsam tief in den Abgrund der Erinnerung zu tauchen.

Ouvertüre


Bild 1


Lima:
Ein Mädchen, eine Ratte und ein Mädchen.
Eine Ratte und ein Mädchen.
Das Mädchen und die Ratte.
Das Mädchen und die Ratte.
Eine alte Legende, die von Generation zu Generation umgeht.
Ich bin Lima Energeli, ich bin Lima Energeli,
K-005275-149.
Lima, Lima, Lima…
Ich breche in deinen Traum ein, Stash, in dieser Nacht vom 31.12.2099.
Stash! Ich dringe in deinen  Erinnerungschip ein, deinen Erinnerungschip,
Die Ratte und das Mädchen, die Ratte und das Mädchen.

Stash:
Die Ratte und das Mädchen – nein, nein!

Lima:
Ich habe keine andere Wahl, ich muss in deine Traummaschine einbrechen, Stash.
Bevor diese alte Geschichte in vollkommene Vergessenheit gerät.
Ich habe den Ursprung gefunden.
Am fünften Tag schuf Gott, schuf ER…

Stash:
Dieser Alptraum über ein Menschen-Junges und ein Ratten-Junges ist nicht meine!
Verschwinde aus meinem Traum, Lima. Verschwinde, Lima!

Lima:
Ich habe die Grube gefunden.
Ich steige hinab, und du kommst mit.
Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.

Stash:
Und am nächsten Tag schuf er den Menschen, und Gott sah, dass es schlecht war. Du wirst es nicht schaffen, mich zu zwingen, Du wirst es nicht schaffen, mir einen fremden Alptraum aufzuzwingen. Es ist nicht mein Alptraum!

Lima:
Das Mädchen, das war, ist gewesen.
Die Grube, die war, ist gewesen.
Die Ratte, die war, wird noch sein.
Das ist die Dunkelheit, das ist die Dunkelheit.

Es gibt keine andere.

Bild 2


Großmutter:
Ich war ein Kind, ihr Kind.
Mutter und Vater, Vater und Mutter,
Ich habe sie geliebt.

Lima (zur Großmutter):
Nein, nein, so darf man keine Geschichte beginnen.
Da kommt das Ende vor den Anfang.

Stash (zur Großmutter):
Du gefährdest dich und deine Enkelin.
Wozu, wozu erinnern?

Großmutter (zur Enkelin):
Ich war ein Kind, ich habe es mir nicht ausgesucht, auf die Welt zu kommen.
Was willst du wissen?
Warum gerade jetzt? Jetzt?

Enkelin:
Ich bin ein großes Mädchen, großes Mädchen.
Wir sind eine andere Generation,
nichts bleibt verborgen.
Die schlimmsten Gräuel kann man in Live-Shows im Fernsehen verfolgen.
Flugzeuge stürzen ab – eine Unterhaltungsshow.
Ein Autobus geht in die Luft – eine Unterhaltungsshow.
Menschen reißen sich gegenseitig die Köpfe ab…
Was kannst du mir verraten, das ich noch nicht kenne?
Ich bin ein großes Mädchen.

Lima (zu Stash):
Sie ist ein großes Mädchen, ein großes Mädchen.

Stash (zur Großmutter):
Ist es nicht besser, zu vergessen?
Ein süßer Schlaf, rein von Träumen und Alpträumen.

Großmutter (zur Enkelin):
Ich hatte eine Mutter, ich hatte einen Vater – reicht dir das nicht?
Ich habe geliebt, und verloren, geliebt und verloren.
Das ist das Ende und auch der Anfang.

Enkelin:
Großmutter, erzähle mir, was du noch weißt, bitte erzähle es mir.

Großmutter:
Ich habe verloren, alles verloren.

Enkelin:
Nicht alles.

Großmutter:
Fast alles.

Enkelin:
Ich habe sogar ein Heft mitgebracht, um mitzuschreiben.
Sieh mal den Einband, was für ein süßer Engel.
Bunte Flügel, sein Blick gegen Himmel…
Großmutter, glaubst du an Wunder?

Großmutter:
Nein, ich habe geliebt und verloren.

Enkelin:
Aber du hast überlebt.

Großmutter:
Ein kleiner Holocaust.
Ich habe geliebt, und ich habe verloren.

Enkelin:

Ich bin ein großes Mädchen, ein großes Mädchen.

Bild 3


Stash:
Meine Traummaschine, sie ist aufgebrochen worden.

Lima: 
Stash.

Stash:
Meine Traummaschine ist jetzt aufgebrochen.

Lima:
Stash, ich setze in deinen Chip die Woche nach der Schöpfung ein.
Und am nächsten ersten Tag, traten die Tiere vor ihren Schöpfer und baten
um menschliche Eigenschaften. Der Schöpfer kam ihrer Bitte nach, und schenkte ihnen das Weinen, das Weinen. Die Schildkröte weint, wenn sie ihre Eier legt, sie legt die Eier nachts, auf einem verlassenen Strand. 
Die Hunde und Katzen weinen nach der Paarung, aber alle Tiere, alle Tiere weinen ohne Tränen.

Stash:
Weinen? Was ist Weinen? Weinen?

Lima:
Ich werde es dich lehren.

Stash:
Weinen? Weinen?

Lima:
Steig mit mir in die Grube, Stash.

Stash:
Ein Alptraum, ein Alptraum!

Lima:
Steig mit mir in die Grube.
Eine große Stadt im Schnee, der Winter ist hart, der See ist zugefroren.

Großmutter:
Eine große Stadt im Schnee, der Winter ist hart, der See ist zugefroren.
Ich habe zum Geburtstag Schlittschuhe bekommen.
Wer hat meine Hand gehalten, damit ich nicht falle?
Meine Mutter? Mein Vater? Vielleicht die Dienerin.

Enkelin:
Die Dienerin - ein viel versprechender Anfang.

Großmutter:
Ich habe gebrüllt, getreten, Sachen zerbrochen.
Warum übergebt ihr mich Menschen, die ich nicht kenne?
Ich bin doch ein braves Mädchen?
Warum schickt ihr mich weg?
Ihr seid schlechte Eltern.
Am Ende habe ich sie geschlagen.
Jetzt bin ich wirklich ein böses Mädchen.

Enkelin:
Ein schrecklicher Anfang führt nicht immer zu einem grausamen Ende.

Großmutter:
Ich habe nicht aufgegeben.
Ich habe mich geweigert, zu packen.
Nicht mal meine Puppe, mit den Zöpfen.
Mutter sagte: Es ist dir zu Liebe.
Und Vater sagte: Nur für kurze Zeit.
Die Lügen der Erwachsenen.

Enkelin:
Lügen? Die Lügen der Erwachsenen?
Die Lügen der Erwachsenen. Lügen.

Großmutter:
Ich habe die ganze Nacht geweint.
Es waren meine letzten Tränen.
Mutter hat sich an mein Bett gesetzt, versucht meine Hand zu halten.
Ich habe sie weg geschoben.
Was ist eine Jüdin?
Wenn es so schrecklich ist, Jude zu sein, warum habt ihr mich so gemacht?
Die Dienerin wusch meinen Kopf mit Wasserstoff.
Damit du nicht zu jüdisch aussiehst, haben sie gesagt.
Wenn es zu jüdisch gibt, dann gibt es auch zu wenig jüdisch.

Enkelin:
Wenn es zu jüdisch gibt, dann gibt es auch zu wenig jüdisch?

Großmutter:
Wenn es schrecklich ist, Jude zu sein, ist es das Schrecklichste auf Erden, ein jüdisches Mädchen zu sein.

Enkelin:
Wenn es schrecklich ist, Jude zu sein, ist es das Schrecklichste auf Erden, ein jüdisches Mädchen zu sein?

Großmutter:
Mutter drehte mir den Rücken zu, sagte kein Wort.
Sagte nichts, berührte mich nicht, drehte sich weg.
Ich habe sie nicht mitgenommen.
Die Puppe habe ich nicht mitgenommen.
Schwarze Zöpfe, schwarze Zöpfe.

Enkelin:
Eine jüdische Puppe.

Großmutter:
Kommt ihr? Kommt ihr? Kommt ihr mich holen? Sie haben es versprochen.

Lima:
Sie, sie haben es versprochen, sie, sie haben es versprochen.

Stash (zynisch):
Sie versprechen immer.

Lima:
Sie haben es versprochen.

Stash:
Sie versprechen immer.

Lima:
Sie haben es versprochen.

Lima:
Alle Tiere waren zufrieden, zufrieden mit dem Weinen.
Nur die Ratte war nicht zufrieden, mit dem, was der Schöpfer ihr gab.
Er dachte nicht an das, was der Schöpfer wieder nimmt.
Die Ratte wollte nicht weinen.
Und mit großer Dreistigkeit trat sie allein vor den Schöpfer,

und verlangte, verlangte das Geschenk des Lachens.

Bild 4


Chor:
Eine Mutter, ein Vater, eine Dienerin und ein Mädchen.
Zusammen vier.
Die Dienerin ist weg.
Der Vater nicht gekommen.
Die Mutter verschwunden.
Ich bin allein, tief
Tief in der Erde.

Bäuerin:
In die Grube mit dir.
Da bleibst du, Sünderin.

Chor:
Schluss, ich will sterben.
Wie stelle ich es an, zu sterben?
Es genügt nicht, nur zu wollen.

Stash:
Treibe mir diese Geschichte aus, treib sie mir aus!
Meine Traummaschine fällt auseinander.
Alles verschwindet, verschwindet und erlischt,
verschwindet und erlischt.

Lima:
Aber die Ratte versteifte sich aufs Lachen.

Großmutter:
Ich war im Dunklen, eine Masse aus Zeit.
Weiß nicht, wann es begonnen hatte, und wann es zu Ende war.
Die Dunkelheit hat sogar einen Geschmack,
Und wenn das Licht ausgeht, kann ich dir beibringen, wie sie sich anfühlt.

Enkelin:
Vielleicht… Die Dunkelheit fühlen, ich bin nicht sicher, dass ich das will.

Chor:
Eins zwei drei, die Ratte und das Mädchen…

Großmutter: 
Sie pirschte sich an. Anfangs schnupperte sie, danach biss sie zu.
Ich habe nicht geschrieen, denn ich bin es gewesen, die ihre Ruhe gestört hatte. Danach haben wir uns aneinander gewöhnt. Ich habe gestreichelt, sie hat zugenommen. Das Blitzen ihrer Augen war das einzige Licht. Ich habe sie Stash genannt.

Chor:
Stash… Stash… Stash… Stash…

Enkelin:
Eine Ratte!

Großmutter:
Sie war mit mir.

Enkelin:
Ein abstoßendes Tier, das ekelhafteste, das es gibt. Welch Alptraum, mit einer Ratte zu leben! Tage und Nächte mit ihr zu verbringen. Ich hätte es nicht ausgehalten.

Lima:
Der Schöpfer sagte zur Ratte: Ich habe dir doch Zähne zum Beißen gegeben, und Krallen zum Kratzen. Ich habe dir auch den Hörsinn und den Geruchssinn geschenkt, du bist ein undankbares Tier, das immer mehr verlangt, immer mehr, immer mehr.
Stash (zu Lima):
Aber die Ratte war sehr hartnäckig, wie ihr Schöpfer.
Und sie sagte zu Recht: „Es steht mir zu! Ich will!“

Wann wirst du verstehen, dass die Ratte aus Versehen eine Überdosis bekommen hat, eine Überdosis an menschlichen Eigenschaften.

Bild 5


Chor:
Die unbändigen Läuse machen einen Ausflug.
Von den Haaren zur Stirn.
Und auf das ganze Gesicht.
Ich liege, so als denke ich nicht an den Körper,
Läuse auf dem Gesicht sind wie zarte Berührungen.

Großmutter:
Auch die Geräusche oberhalb der Erde habe ich gelernt zu erkennen.
Das Muhen und das Brüllen, das Echo der Schritte der Kühe,
Das Quaken die Frösche auf einem entfernten Teich,
Der Bauer und die Bäuerin arbeiten auf dem Feld.

Enkelin:
Hatten die Bauer Söhne? Hast du mit ihnen gespielt?
Du hast doch mit ihnen gespielt, oder?

Chor:
Oben die Bauern, noch weiter oben, die Vögel, ganz oben, die Eltern.
Unten die Juden, noch weiter unter Kinder, ganz unten, die Kinder der Juden.

Bauer (zu Bäuerin):
Wer hat diesen Ärger gebraucht? Du dumme Frau! Und so billig!
Jesus Maria, die kleine Jüdin gefährdet uns alle.

Bäuerin:
Bevor du es nicht weißt, kommst du nicht hinauf!

Bauer:
Wir hätten mehr verlangen sollen, so teuer, wie du uns kommst.

Großmutter (zu Enkelin):
Was ich hätte wissen sollen, wusste ich nicht.

Bäuerin:
Bete, dass das Geld kommen wird.

Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum
Benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus,
Nunc, et in hora mortis, mortis nostrae.
Amen.

(Das Grubenmädchen und der Chor wiederholen mit der Bäuerin das Ave Maria. Die Großmutter stimmt mit ein.)

Bäuerin:
Genug, ich habe genug davon, ich verrate sie.
Und dann ist Schluss mit dieser Geschichte, Schluss!

Stash:
Schluss! Schluss! Genug, ich habe genug! Schluss mit dieser Geschichte!

Lima:
Der Schöpfer hatte auch schon genug, und wollte die Ratte loswerden.
Drum versprach er ihr: Solange du kein Lachen neben dir, unter der Erde hörst, Solange wirst du auch selbst nicht lachen können. Und danach verjagte er das unterirdische Tier aus dem Himmel. Er dachte, Ratten hätten ein kurzes Gedächtnis. Aber die Ratte erinnerte sich, und suchte das Lachen in der Grube. Aber fand immer nur Tote, nur Tote. Und die lachten nicht. Und die Ratte verfluchte den Schöpfer, der sie betrogen hatte.

Stash:
Und alle Ratten überlieferten den nächsten, dass Gott seine Versprechen nicht einhält. Und sie machten sich auf die Suche nach einem neuen Gott, doch konnten keinen finden.

Lima:
Bis das Mädchen in die Grube stieg, und die Ratte wurde mit neuer Hoffnung erfüllt. Und sie war sicher, dass dem Mädchen ein anderes Lebewesen folgen und das Versprechen einlösen würde. Aber es war kein Tier, sondern ein menschliches Wesen, das sie nicht zum Lachen brachte.

Chor:
Warum Kartoffeln?

Das Grubenmädchen:
Darum.

Chor:
Warum Läuse?

Das Grubenmädchen:
Darum.

Chor:
Warum Dunkelheit?

Das Grubenmädchen:
Darum.

Chor:
Warum der Stefan?

Lima:
Die Schritte des Bauernsohnes. Stefan kommt näher.

Chor (flüsternd):
Ave Maria Grazia plena – hoffentlich stolpert er und bricht sich das Genick.

Lima:
Und Gott sah, dass…

Chor:
Gut, dass du eine männliche Ratte bist, und keine weibliche.
Gut, dass du ein Männchen bist, und kein Weibchen.
Denn nur ein Männchen kann hier raus,
ein Weibchen ist die Beute für den Stefan.

Drei Mädchen aus dem Chor:
Niemals wird mir kalt sein,
weil ich mit Asche bedeckt bin.
Mir wird immer heiß sein, immer heiß.
Weil ich mich zudecke, mit Blut zudecke.

Drei andere Mädchen aus dem Chor:
Niemals wird mir kalt sein,
weil ich mit Asche bedeckt bin.
Mir wird immer heiß sein, immer heiß.
Weil ich mich zudecke, mit Blut zudecke.

Lima:
Das Mädchen, das war, ist gewesen.
die Grube, die war, ist gewesen.
Die Ratte, die war, wird noch sein.
Das ist die Dunkelheit, die Dunkelheit. Es gibt keine andere.

Enkelin:
Das ist nicht die Geschichte, die ich wollte.

Stash:
Niemand will diese Geschichte.

Lima (Echo):
Niemand will diese Geschichte.

Großmutter:
Es liegt nicht in unserer Hand.

Enkelin und Stash:
Aber ich will nicht, ich will diese Geschichte nicht.

Großmutter und Lima:
Es gibt keine andere.

Chor:
Es gibt keine andere.
Es gibt keine andere.
Es gibt keine andere.
Es gibt keine andere.

Lima:
Das Mädchen, das war…
die Grube, die war…
Die Ratte, die war…

Bauer:
Stefan!

Bäuerin:
Stefstu…Stefanel…

Bauer:
Stefan, was hast du dort unten zu suchen?

Bauer und Bäuerin:
Stefan, wo bist du?

Chor:
Ich habe draußen eine große Grube,
Ich habe drinnen eine kleine Grube.
Die große Grube gehört mir, und die kleine Grube,
die gehört Stefan, Stefan, Stefan.

Enkelin:
Genug, Großmutter!

Stash (Echo):
Genug, Lima!
Großmutter und Lima.
Jetzt, jetzt ist es schon zu spät.

Lima:
Die Ratte in der Grube hat ihre Hoffnung nicht verloren,
dass das Menschenkind eines Tages lachen wird.
Sie versuchte alles, um es zum Lachen zu bringen.

Großmutter:
Vielleicht geht die Sonne nicht auf, vielleicht kommt die Nacht nicht.
Vielleicht bleibt außerhalb der Grube, die ganze Welt stehen?
Die Dunkelheit ist nicht schwarz, die Sonne geht nicht unter,
Nur ich bin hier, und weiß nicht, weiß nicht.

Enkelin:
Großmutter, wo ist Stash?

Chor, Großmutter und Lima:
Stash… Stash… Stash…Stash…

Enkelin:
Wie lange ging das so?

Lima:
Wie lange ging das so?

Großmutter, Chor, danach das Grubenmädchen dazu:
Vielleicht geht die Sonne nicht auf, vielleicht kommt die Nacht nicht.
Vielleicht bleibt außerhalb der Grube, die ganze Welt stehen?
Die Dunkelheit ist nicht schwarz, die Sonne geht nicht unter,

Nur ich bin hier, und weiß nicht, weiß nicht.

Bild 6


Bauer:
Sie gefährdet uns alle, wir geben Sie unserem Herrn Pfarrer,
er wird schon wissen, was man mit ihr macht.

Bäuerin (zum Grubenmädchen):
Ihr Juden schnappt euch alle Plätze im Paradies, im Paradies.
Euretwegen müssen wir dann alle in die Hölle, in die Hölle.

Bauer:
Ave Maria sagt zu Jesus, rück auf die Seite, mein Sohn.
Zu viele Judenkinder kommen aus den Löchern, man muss ihnen Platz machen, Ha, ha, ha – Amen.
So ein schrecklicher Gestank – als erstes musst du sie taufen
(Die Bäuerin holt das Grubenmädchen herauf. Das Mädchen bedeckt, vom Licht geblendet, seine Augen.)

Bauer:
Was für ein schrecklicher Gestank, du musst sie zuerst taufen.

Bäuerin (zum Mädchen):
Bekreuzige dich, du stinkst so fürchterlich.
Sogar Jesus müsste sich die Nase zuhalten.
Bete um Gnade. Du stinkst so schrecklich, du stinkst.

Enkelin:
Wie ist sie plötzlich hinaufgekommen?

Großmutter:
Ein schwarzer Engel ist erschienen.

Enkelin:
Ein Engel, wie auf dem Heft? Großmutter, du glaubst doch nicht an Wunder.

Bild 7


Eine Kirche. Eine feierliche Messe, Kirchenmusik. Chorgesang. Bauer und Bäuerin stehen mit dem Mädchen aus der Grube vor dem Pfarrer. Sie ist bewusstlos und regungslos.

Chor:
Vidi aquam egredientem de templo
A latere dextro
Alleluia
Alleluia
Et omnes ad quos penevit aqua ista salvi factci sunt,
Et dicent:
Alleluia, Alleluia.

Pfarrer:
In nominee Patris, et Filii, et Spiritus Sancti

Chor:
Amen.

Pfarrer:
Confiteor Deo omnipotenti
Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.

Chor, Bauer und Bäuerin:
Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.

Chor:
Misereatur tui omnipotens Deus
Et dismissis peccatis tuis
Perducat ad vitam aeternam
Amen.

Pfarrer:
Kyrie eleison.

Chor, Bauer und Bäuerin:
Kyrie eleison.

Pfarrer:
Christe eleison.

Chor, Bauer und Bäuerin:
Christe eleison.

Chor:
Agnus Dei, qui tollis peccata mundi.

Bäuerin (zum Mädchen):
Das ist unser Herr Pfarrer, beichte, du kleine Sünderin, küss seine Hand.

Chor:
Als der heilige Stefan klein war,
wurde er vom Teufel aus seinem Bett geraubt.
Als der heilige Stefan klein war,
wurde er vom Teufel aus seinem Bett geraubt.
Als der heilige Stefan klein war,
wurde er vom Teufel aus seinem Bett geraubt.
Anstatt eines Säuglings fanden seine Eltern ein schreckliches Ungeheuer,
Ihr süßes Kind wurde vom Erdboden verschluckt.
Ich rufe den ersten Stefan, er soll zurückkehren,
und den Teufel aus dem Grubenbett jagen.
Denn wenn der heilige Stefan Ratten geliebt hätte,
würde er vom Himmel noch andere Heilige herabholen.
Als der heilige Stefan klein war,
wurde er vom Teufel aus seinem Bett geraubt.
Als der heilige Stefan klein war,
wurde er vom Teufel aus seinem Bett geraubt…

Pfarrer (zur Bäuerin):
Bäuerin, gib mir das Mädchen, ich werde schon wissen, was ich mit ihr machen muss.

Bäuerin:
Passen Sie auf, Herr Pfarrer, Vater Stanislaus, sie macht das Haus des Herren unrein, die kleine Sünderin.

Pfarrer:
Ich werde zahlen.

Bäuerin:
Wäre da nicht Stefan, hätten wir sie schon längst an die Behörden übergeben.
Er ist ein braver Junge, der Stefan, er weiß es zu schätzen.
Aber jetzt bieten die Deutschen 10,000 für jeden Juden.
Wir könnten das Kirchendach reparieren, damit es im Winter nicht hineintropft.

Pfarrer (holt einen goldenen Messbecher hervor):
Bäuerin, gib mir das Mädchen.

Bäuerin:
Schlachten Sie das kleine Judenmädchen ab, und sühnen Sie den Tod des Erlösers. Aber geben Sie Acht, Vater Stanislaus, wie Sie das Messer halten, damit die kleine Sünderin Sie nicht ansteckt. Und jetzt veranstalten wir eine feierliche Messe, zu Ehren einer Welt, die judenrein ist.

Bäuerin und Chor:
Ave Maria
Gratia plena
Dominus tecum Benedicta tu in mulieribus
Et benedictus Fructus ventris tui Jesus.
Sancta Maria Mater Dei
Ora pro nobis Peccatoribus
Nunc et in Hora mortis, mortis nostrae

Amen.

Bild 8


Stash:
Woran wird sie sich erinnern, wenn sie aus der Grube kommt?
Wie sie überlebt hat?
Lieber sterben, als mit so einer Erinnerung leben zu müssen.
Diese Ratte…
Dieses Mädchen…
Dieser Stefan…
Meine Traummaschine, meine Traummaschine ist zerstört.  
Meine Traummaschine ist zerstört.
Ich werde niemals mehr träumen können, Lima.
Lima, was hast du mir angetan?

Lima:
Stash, ich bin deine Erinnerung.
Mit eigenen Händen reiße ich meinen implantierten Chip heraus,
K-005 275-149. Stash, in der Grube, werde ich dein Gedächtnis sein,
jetzt wirst du nicht mehr vergessen,
Dort, im Dunkeln, wirst du nicht vergessen…

(Der Pfarrer fällt vor dem Mädchen aus der Grube auf die Knie.)

Pfarrer:
Segne mich nicht, Vater, denn ich habe gesündigt.
Sei mir nicht gnädig, nicht gnädig.
Ich war mein Leben lang dein treuer Diener.
Aber nun, nun verlasse ich dich.
Ich verlasse dich und falle in die Sünde der Verzweiflung.
Verzeihe mir nicht, mein Vater. Ich kann die Aufgabe nicht erfüllen, und ich habe keinen Glauben mehr.
Sei dem Mädchen gnädig, das keinen Namen hat, nimm sie in deine Arme, gib ihr die Erlösung.
Welchen neuen Tag gibt es für ein Mädchen, das nur Nacht ist.
Du hast mich auserwählt. Der Mensch wird erleuchtet in deine Welt geboren, und andere Menschen füllen ihn mit Dunkelheit auf. 

Confiteor Deo omnipotenti
Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.

Wenn du deine Schöpfung nicht liebst, wie kannst du von uns verlangen, einander zu lieben?
Eine Welt, in der Kinder verstecken werden müssen, sollte man vernichten, und von Grund auf eine neue erschaffen.

(Der Pfarrer wedelt mit seinem imaginären Schwanz. Spielt eine Ratte. Das Mädchen erwacht und fasst Vertrauen zu ihm.)

Das Grubenmädchen:
Ich gebe dir einen Namen.
Zuerst nur so - die Ratte.
Danach - „mein Tierchen“:
Danach einen echten Namen –
Wie Stanislaus, oder Stash oder Stash.

Pfarrer (umarmt das Mädchen):
Segne mich nicht, Vater, denn ich habe gesündigt.
Sei mir nicht gnädig.

Kind… Ich habe noch nie ein Kind in meinen Armen gehalten…

Bild 9


Das Grubenmädchen:
Ich will nicht mehr Jüdin sein.

Pfarrer:
Jesus war auch Jude.

Das Grubenmädchen:
Hat man ihn deshalb umgebracht?

Pfarrer:
Am Anfang schuf Gott… unser Herr im Himmel…

Das Grubenmädchen:
Stash… Stash… versprich mir, dass er kein Jude ist.

(Der Pfarrer schweigt.)

Das Grubenmädchen:
Versprich mir, dass er lachen kann.

Pfarrer:
Mein Kind, nirgends steht, dass Gott das Lachen erschaffen hat.

Das Grubenmädchen:
Wer hat es denn sonst erschaffen?

Pfarrer:
Das Lachen ist ein Wunder, durch Wunder geschaffen.
Der Schöpfer hatte nichts damit zu tun.

Das Grubenmädchen:
Was ist ein Wunder?

Pfarrer:
Etwas Seltenes, das niemals geschehen ist.

Das Grubenmädchen:
Wer macht das Wunder?

Pfarrer:
Gott, Gott.

Das Grubenmädchen:
Und wer ist Gott?

Pfarrer:
Unser Vater, unser Vater.

Das Grubenmädchen:
Und wo ist er?

Pfarrer:
Im Himmel.

Das Grubenmädchen:
Ist der Himmel oben oder unten?

Pfarrer:
Ich weiß nicht.

Das Grubenmädchen:
Wann macht er das Wunder?

Pfarrer:
Mein Kind. Und Gott sah, dass es gut war… und hat die beschädigte Welt gelassen, wie sie ist. Jedes Mal wenn wir lachen, erinnern wir ihn dort oben an unsere Existenz da unten, und richten das, was er selbst zerstört hat.

Das Grubenmädchen:
Bring mir das Lachen bei, Stash, bring mir das Lachen bei.

Pfarrer:
Ohne unser Lachen, wäre es so, als ob es Gott nicht gebe.

(Das Mädchen reißt den Mund auf, aber das Lachen kommt nicht aus ihr heraus.)

Pfarrer (umarmt das Mädchen):
Segne mich nicht, Vater, denn ich habe gesündigt.
Sei mir nicht gnädig…
Denn jetzt verlasse ich dich, und kümmere mich um das Kind,
um seine Verzweifelten Schreie. Die ganze Nacht hat sie mich angefleht, ich solle sie nicht zurück zu ihrem Volk bringen.
Ich werde weder Tag noch Nacht haben…
Mutter, warum hast du mich verlassen?
Rufen alle namenslosen Kinder.

Das Grubenmädchen:
Mama, Mama, warum hast du mich verlassen?

Pfarrer:
Sei diesem namenslosen Kind gnädig.
Nimm sie in deine Arme, und sie wird dir das Lachen beibringen.
Und es war Abend, und es war Tag…

(Der Pfarrer entfernt sich, verabschiedet sich von dem Mädchen. Es versucht, ihm nach zu laufen, doch er schüttelt sie ab.)

Pfarrer:
Und vielleicht geschieht eines Tages das Wunder,
und du wirst die Kraft finden, dich an mich zu erinnern.

Ich werde aus der Dunkelheit emporsteigen, meinen Schwanz ablegen und dich anlachen. Vergib mir, meine Tochter, segne mich, denn ich habe gesündigt.

Bild 10


Enkelin:
Großmutter, soll ich das Licht andrehen?

Großmutter:
Noch nicht.

Enkelin:
Aber es ist schon fast dunkel.

Großmutter:
Fast.

(Die Großmutter steht plötzlich auf.)

Enkelin:
Wo bist du? Ich kann dich nicht sehen.
Gib mir die Hand, nimm mich in die Arme.
Großmutter, du lachst ja…

(Die Großmutter umarmt die Enkelin, sie nehmen das Grubenmädchen mit auf den Weg und gehen ab. Stash und Lima sehen ihnen nach.)

Ende

 
 


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